DAS MUSICAL „SISTER ACT“ HATTE AM DEUTSCHEM THEATER SEINE HEFTIG UMJUBELTE MÜNCHEN-PREMIERE

Das haut so richtig rein

Von Tobias Hell. Na das wurde ja auch mal wieder Zeit.

Nachdem man an der Münchner Schwanthalerstraße zuletzt eher mit großen tragischen Klassikern wie „Evita“ oder „West Side Story“ bedient wurde, bei deren tränenreichem Finale man am besten das Taschentuch parat hält, bläst das Deutsche Theater nun mit „Sister Act“ zur ungebremsten Attacke auf die Lachmuskeln. Wie schon auf der Leinwand folgt auch die Musical-Version des Whoopi-Goldberg-Hits der ambitionierten Nachtclubsängerin Deloris, die unfreiwillig zur Kronzeugin in einem Mordprozess wird und sich bis zum ersten Gerichtstermin in einem Kloster verstecken muss. Wobei Konflikte zwischen der sangesfreudigen, schrillen Disco-Diva und den im stillen Gebet lebenden Klosterschwestern programmiert sind.

Auch in ihrer Verkleidung als Schwester Mary Clarence kann Deloris eben nicht aus ihrer Haut, flucht, raucht und gönnt sich zwischen den Andachten in der Bar nebenan schnell einen kleinen Hochprozentigen, um den verordneten Fastentag etwas besser zu überstehen. Doch als sie auf gewohnt offensive Weise die Leitung des Nonnenchores an sich reißt und die gläubigen Damen allmählich aus der Reserve lockt, findet man über die Musik schließlich irgendwie zueinander. Was wäre eine überdrehte Komödie ohne Happy End?

Wer auf die aus dem Film bekannten Gospel hofft, könnte allerdings für eine Millisekunde enttäuscht sein. Denn anders, als man vielleicht erwarten könnte, handelt es sich bei „Sister Act“ nicht um ein Jukebox-Musical. Die schmissigen neuen Songs stammen hier aus der Feder von Disneys Haus- und Hofkomponisten Alan Menken, der die Geschichte zurück in die Siebzigerjahre verlegt und mit groovendem Motown-Sound aufpeppt. Und der lässt selbst in tourneetauglich abgespeckter Bandbesetzung noch immer mühelos das Stimmungsbarometer nach oben schnellen. Vor allem die großen Ensemblenummern wie „Zeig mir den Himmel“ oder „Sonntagmorgenfieber“ hauen so richtig rein. Denn hier dürfen die anfangs noch herrlich schief ihre Choräle intonierenden Nonnen endlich zeigen, was tatsächlich in ihren Stimmbändern steckt und damit nicht nur die gestrenge Mutter Oberin sprachlos machen.

Agnes Hilpert verleiht der von Geldsorgen und durch Deloris’ Eskapaden geplagten Klostervorsteherin angemessene Autorität, lässt aber stets den sanften Kern hinter der harten Schale spüren und überzeugt bei ihren sarkastisch trockenen Einwürfen durch sicheres komisches Timing. Qualitäten wie diese braucht es auch, um neben Aisata Blackmans Deloris zu bestehen. Die unter anderem aus „The Voice of Germany“ bekannte Niederländerin ist ein absolutes Energiebündel, deren ansteckender Spielfreude man sich auf  und vor der Bühne ebenso wenig entziehen kann wie ihrer starken Soul-Röhre. Dass der Abend trotz dieser im besten Sinne des Wortes Rampensau nicht zur One-Woman-Show wird, spricht für die Leistung des Ensembles (Regie: Carline Brouwer).

Maren Somberg hat als quirlige Mary Patrick die Sympathien genauso auf ihrer Seite wie Regina Venus, die als Mary Lazarus eine fetzige Rap-Einlage abfeuert. Viel Applaus auch für Abla Alaouis langsam aufblühende Postulantin Mary Robert und Karim Ben Mansour, der als Deloris‘ schüchterner Verehrer Eddie seinen inneren Travolta entdeckt. Selbst wenn die Männer diesmal stückbedingt etwas zu kurz kommen, weiß neben ihm ebenfalls das dilettantische Gangstertrio Benjamin Eberling, Alessandro Pierotti und Arcangelo Vigneri reichlich Lacher einzufahren.

Egal wie flach mancher Witz zuweilen sein mag, „Sister Act“ macht einfach Spaß. Schon lange gab es im Deutschen Theater keine so spontane und so lang anhaltende Standing Ovation. Nicht zuletzt von einer Gruppe Klosterschwestern, die schon während der Vorstellung immer wieder kichernd ihren Spaß hatten und am Ende erst gar keine lange Aufforderung benötigten, um die Hände zum Himmel zu heben und ihren „Kolleginnen“ auf der Bühne lautstark zu applaudieren. Wer möchte diesem fachfraulichen Urteil schon widersprechen?

Vorstellungen

bis 9. Juli; 089/ 55 23 44 44.

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