HISTORY-CHANNEL-CHEF ANDREAS WEINEK IM GESPRÄCH MIT DEUTSCHLANDS POPULÄRSTEM FERNSEH-GESCHICHTSLEHRER

Haben wir nichts gelernt, Herr Knopp?

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In Zeiten von erstarkendem Populismus in ganz Europa stellt sich die Frage: Was kann Geschichtsfernsehen leisten?

Ist es ein Instrument, um ein zweites 1933 zu verhindern? History-Channel-Chef Andreas Weinek stellt diese Frage im Gespräch mit dem streitbaren ZDF-Historiker Guido Knopp, der mit seinen Fernsehdokus jahrelang gegen das Vergessen kämpfte.

-Sie haben den Zuschauern ohne erhobenen Zeigefinger Geschichte nähergebracht. Irgendwann mehrten sich allerdings die Stimmen, die sagten: Nicht schon wieder, das hatten wir doch alles schon. Nun, Jahre später, stellen wir einen erschreckenden Mangel an Bewusstsein und Wissen um die NS-Zeit fest.

Geschichtsvermittlung ist das Bohren dicker Bretter. Geschichte im Fernsehen kann zeigen, wie es gewesen ist, wie es zu etwas kam, wie Menschen sich auch irren können. Aber Geschichtsfernsehen kann nicht das Wahlverhalten von Menschen prägen. Ich stelle dennoch die These auf, dass es ein neues 1933 zumindest in Deutschland in den nächsten Generationen nicht geben wird, weil es die Lehre gibt, dass so etwas nicht mehr vorkommen darf.

-Dieses Jahr jährt sich zum 80. Mal der Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland. In Österreich sitzen heute Menschen in der Regierung, die keinerlei Berührungsängste mit Rechtsextremen haben. Haben wir mit unseren Dokumentationen so wenig bewirkt?

Ich beantworte das mit ja, möchte aber differenzieren. Ich möchte mich nicht zur FPÖ äußern – von ihr weiß ich zu wenig. Aber was die AfD betrifft, darf man sie nicht pauschal in die gleiche Ecke drängen, in der die NPD ist und gewesen ist. Natürlich gibt es bei den Abgeordneten der AfD den einen oder anderen, bei dem man nur den Kopf schütteln kann. Was die Wähler betrifft, gibt es aber auch viele Enttäuschte, denen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ab 2015 nicht gepasst hat und die ihren Protest durch die Wahl dieser Partei ausdrücken wollten.

-Haben Sie eine Meinung oder Idee dazu, warum vor allem im Osten rechte Parteien so gut reüssieren?

Ich glaube, das liegt daran, dass in der Ex-DDR diese schmerzhafte Auseinandersetzung mit Geschichte der NS-Zeit in dem Maße nie stattgefunden hat wie in der alten Bundesrepublik. Man war ja der gute, der bessere deutsche Staat, das wurde von oben vermittelt. Als man in den Neunzigerjahren begonnen hatte, eine neue gesamtdeutsche Geschichtsvermittlung zu betreiben und von den Leuten zu verlangen, ihr müsst jetzt auch sagen: Auschwitz ist ein Teil unserer Geschichte, da hatte man es schwerer als bei unserer alt-bundesrepublikanischen Bevölkerung, bei der das auch bei den jungen Leuten in den Schulen Konsens gewesen ist.

-Uns wird in Sozialen Netzwerken immer wieder vorgeworfen, dass wir eine Art Schuld-Kult betreiben. Wie kann man den Leuten erklären, dass es nicht um Schuld, sondern um Verantwortung geht?

Ich kann da nur Simon Wiesenthal zitieren, der mir einmal gesagt hat: „Schuld ist nicht kollektiv. Schuld ist immer individuell.“ Das ist der entscheidende Punkt. Deswegen gibt es keine Kollektiv-Schuld, aber es gibt Kollektiv-Verantwortung dafür, dass das, was geschehen ist, nie mehr erneut geschehen darf. Deshalb haben gerade wir im wirkungsmächtigsten Medium Fernsehen die Aufgabe, zu zeigen, warum, wie und weshalb es geschehen ist, was daraus geworden ist.

-Eine erschreckend große Zahl an Jugendlichen gibt in Umfragen an, von Auschwitz nichts mehr zu wissen und dass im Nationalsozialismus nicht alles schlecht gewesen sei. Was müssen wir Fernsehmacher tun, um diese Kids medial zu erreichen?

Wir müssen unsere formalen Möglichkeiten nutzen. Wenn wir etwa eine große Serie über den 30-jährigen Krieg von 1914 bis 1945 machen würden, dann erreichen wir junge Zuschauer nur, wenn wir nicht diese schwarz-weißen Zappelbilder in der originalen Geschwindigkeit zeigen. Indem wir die Filme säubern und sorgfältig kolorieren, indem wir sie auch digitalisieren und HD-fähig machen bekommen sie eine andere Wirkung, ein anderes Gewicht und sie berühren die Menschen. Unsere große Zeitzeugen-Aktion, die wir vor 18 Jahren gestartet haben, ist ein kostbarer Schatz für künftige Generationen. Jugendliche werden sich nicht nur mittels Büchern über das 20. Jahrhundert informieren, sondern vor allem über die Erinnerung der Betroffenen..

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