STEVEN SODERBERGH ÜBER „UNSANE“, DAS KNALLHARTE MEDIZINGESCHÄFT UND DAS ARBEITEN MIT DEM SMARTPHONE

„Das war ein Guerilla-Dreh“

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SSteven Soderbergh war diesmal Regisseur, Kameramann und Cutter. Foto: Stefanie LOOS/ afp

Interview zum Film . Für sein Regiedebüt „Sex, Lügen und Video“ gewann Steven Soderbergh die Goldene Palme von Cannes, für seinen Drogen-Thriller „Traffic“ den Oscar.

Seine größten Kassenerfolge feierte er mit Filmen wie „Magic Mike“ oder der „Ocean’s“-Trilogie. Nun präsentiert er als Regisseur, Kameramann und Cutter den mit einem Smartphone gedrehten Psychothriller „Unsane – Ausgeliefert“ (Kinostart am Donnerstag). Nach der Weltpremiere des Films bei der Berlinale heuer sprachen wir mit dem smarten 55-jährigen Multitalent.

-In „Unsane“ wird eine Frau gegen ihren Willen in eine Anstalt eingewiesen. Wie realistisch ist dieses Horrorszenario?

In den USA sind viele solcher Fälle dokumentiert. Wenn Sie gegenüber einem Arzt unvorsichtig das Wort „Selbstmord“ fallen lassen, können Sie sehr schnell in einer Anstalt landen. Möglicherweise kommen Sie dort auch nicht so leicht wieder raus, denn Kliniken brauchen möglichst viele Patienten, um Profit zu machen. Die Medizin ist ein knallhartes Geschäft. Ich habe das Thriller-Genre wie ein Trojanisches Pferd benutzt, um dem Publikum Themen wie Machtmissbrauch unterzujubeln – übrigens vor der #MeToo-Debatte: Den Film haben wir in zwei Wochen im Juni 2017 gedreht.

-Und Sie haben tatsächlich mit einem Smartphone gefilmt?

Ja, mit einem iPhone 7 Plus. Schon seit Jahren hatte ich mit den technischen Möglichkeiten von Handykameras herumgespielt. Mit „Unsane“ fand ich nun das ideale Projekt, um das Experiment zu wagen. Ich wollte die Geschichte radikal aus der Perspektive der Hauptfigur erzählen, und mit dem iPhone konnte ich näher an die  Schauspieler heranrücken als je zuvor, oft bis auf wenige Zentimeter.

-Hat sich die Kamera bewährt?

Unbedingt! Sie taugt sicher nicht für jeden Film, ist aber für meine Arbeitsweise perfekt. Ich habe plötzlich wieder den gleichen Enthusiasmus entwickelt wie in meiner Jugendzeit, als ich meine ersten Super-8-Filme gedreht habe. Dabei verkläre ich jene Zeit keineswegs: Damals hat es mich schon genervt, dass man die Filme erst noch zum Entwickeln einschicken musste. Insofern beneide ich die heutige Jugend, weil sich die neue Technik viel besser dazu eignet, Dinge auszuprobieren – und weil die Handy-Aufnahmen wirklich verdammt professionell aussehen. Talent braucht man natürlich trotzdem noch. Nicht jeder iPhone-Besitzer ist automatisch ein neuer Irving Penn.

-Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile des Filmens mit einem Handy?

Ungünstig finde ich, dass die Kamera sehr empfindlich auf Erschütterungen reagiert. Wenn Sie auf dem Tisch, auf dem das kleine Stativ mit dem Handy steht, ein Glas abstellen, verwackelt die Aufnahme. Aber damit kann man umgehen. Der größte Vorteil ist, dass sich die Kamera benutzen lässt wie der Stift eines Zeichners: Man kann sie problemlos überall platzieren und die Position in Sekundenschnelle ändern. Das heißt, Sie müssen nicht bei jeder neuen Kameraeinstellung ewig warten, bis die Szene wieder eingerichtet ist, sondern können sofort loslegen und so lange drehen, bis Sie die komplette Sequenz im Kasten haben. So bleibt das Energieniveau hoch, und die Schauspieler lieben das.

-Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerin Claire Foy gefunden?

Zum ersten Mal sah ich sie vor einem Jahr bei ihrem Golden-Globe-Gewinn – ich fand ihre Dankesrede so charmant, dass ich mir daraufhin die Serie „The Crown“ anschaute. Darin wiederum beeindruckte sie mich derart, dass ich sie in London zu einem langen Gespräch traf und ihr die Hauptrolle in „Unsane“ anbot – so ziemlich das Gegenteil von Königin Elisabeth II., die sie in „The Crown“ verkörpert. Sie schien richtig scharf darauf. Ich warnte sie: „Es wird ein Guerilla-Dreh, ähnlich wie bei einer Gruppe von Schülern, die einen Film machen. Immerhin dauert es nur zwei Wochen. Solltest du es ganz schrecklich finden, ist es wenigstens schnell vorbei.“

-Und? Hat  sie sehr gelitten?

Im Gegenteil: Sie hat sich mit Lust und Leidenschaft in ihre Rolle gestürzt. Ihre Wandlungsfähigkeit ist umwerfend. Wer sie bei der Weltpremiere erlebte, konnte gar nicht glauben, dass das im Publikum und auf der Leinwand dieselbe Frau war. Sie kann wirklich alles spielen. Das Einzige, was sie auf ihrem Weg an die Spitze noch aufhalten könnte, sind fehlende Angebote. Notfalls muss ich ihr eben noch ein paar tolle Rollen auf den Leib schreiben!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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