BEI DER WIEDERAUFNAHME VON „LUCIA DI LAMMERMOOR“ AN DER STAATSOPER ZEIGT JUAN DIEGO FLÓREZ EIN BEEINDRUCKENDES ROLLENPORTRÄT

Mit großer Glaubwürdigkeit

von maximilian maier. Er ist und bleibt der Stratosphärenflieger der Tenöre, bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter.

Mit Spitzentönen geizt er auch in Donizettis Belcanto-Schmuckstück „Lucia di Lammermoor“ an der Bayerischen Staatsoper nicht, bis zum hohen D darf es schon gehen. Und: Juan Diego Flórez entwickelt sich weiter. Er erweitert sein angestammtes Stimmfach des „Tenore di grazia“ und ergänzt seine Rossini- und komischen Donizetti-Rollen um Schwereres wie Werther, kürzlich sogar um Hoffmann und eben um den Edgardo. Und er tut gut daran!

Kaum steht Flórez auf der Bühne, wird das Drama erlebbar, und es entsteht Glaubwürdigkeit. Die – alles andere als sympathische – Machoseite Edgardos, seine glühende Eifersucht, seine egoistischen Besitzansprüche, seine Heißblütigkeit, die oft in Hirnlosigkeit gipfelt, zeigt Flórez genauso wie den tief Liebenden, den Hilflosen, am Schluss den Zerbrochenen. Das geht nur in dieser Dichte, wenn darstellerischer und stimmlicher Ausdruck zusammenkommen. Flórez hat keine dramatische Riesenstimme, die braucht er auch nicht. Durch Intensität des Tones, Phrasierung, wirkliches Begreifen und Umsetzen der Stilmittel des Belcanto gelingt ihm ein beeindruckendes Rollenporträt.

Diese Schlüssigkeit erreicht Venera Gimadieva in der Titelpartie bei ihrem Debüt an der Staatsoper noch nicht. Es ist natürlich auch viel verlangt, in diese ganz auf Diana Damrau zugeschnittene Regie von Barbara Wysocka einzusteigen, die in der berühmten Wahnsinns-Arie eben kein verrücktes Opfer, sondern eher einen aktiven Racheengel verlangt. Ein darstellerischer Spagat, der sicher ungewohnt ist. Aber auch stimmlich bleibt Gimadieva zu monochrom. Sie hat ein wunderbares Timbre und singt auch sehr schön, nur geht es darüber eben nicht wirklich hinaus. Koloraturen werden nicht mit Leben erfüllt, für die Emotionspalette von jugendlich verliebt bis wahnsinnig entrückt findet sie zu wenig Farben. So bleibt die Lucia zu blass, die normalerweise für jede Sopranistin ein Kaleidoskop an Ausdrucksmöglichkeiten bietet.

Mariusz Kwiecien agiert da als Enrico eindeutiger als brutaler Machtmensch, auch wenn ihn dies teilweise an seine stimmlichen Grenzen treibt. Mika Kares zeigt als Raimondo mustergültig, wie man einen mächtigen Bass stilvoll strömen lässt, während Galeano Salas in der Minirolle des Arturo beweist, dass ihm – wohl auch als Edgardo – die Zukunft gehört. Ein Opernstudio-Juwel, an dem wir sicher noch viel Freude haben werden!

Antonino Fogliani geht, abweichend vom Premierendirigent Kirill Petrenko, die Partitur weitgehend konventionell als Vorgeschmack auf die Romantik an, manchmal in der Lautstärke auf Kosten der Sänger. Klanglich aber können Staatsorchester und Chor so prachtvoll glänzen.

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