Große Themen als federleichte Alltagskost

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Milan Kundera dpa

NEUERSCHEINUNG  . Literarisch grandios und von abgeklärter Altersweisheit: Nach eineinhalb Jahrzehnten erscheint wieder ein Roman von Milan Kundera.

VON SABINE DULTZ

Der eine ist ein arbeitsloser Schauspieler und kellnert auf Partys, bei denen er in einem von ihm erfundenen „Pakistanisch“ parliert. Der andere schreibt ein Stück fürs Marionettentheater und erzählt so lange Anekdoten über die Hauptpersonen Stalin, Kalinin und Chruschtschow, bis diese als wie an Strippen geführte, von den Passanten aber nicht mehr gekannte Witzfiguren leibhaftig im Jardin du Luxembourg auftauchen. Der dritte philosophiert über den zur Schau gestellten Bauchnabel, den die Mädchen von heute als neu zu entdeckende erogene Zone präsentieren. Und dem vierten gelingt es trotz mehrerer Anläufe nicht, die Chagall-Ausstellung zu besuchen, weil ihn jedes Mal die Schlange der wartenden Besucher abschreckt.

Der Schriftsteller als Schöpfer von Figuren: Er hat sie – bis zu einem gewissen Grade – alle in der Hand, kann sie zu Glück und Unglück führen, denn als Autor ist er der Herr über ihr Tun und Lassen. So jedenfalls versteht sich Milan Kundera und findet dafür im Roman „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ eine so irrwitzige wie tiefgründige Entsprechung. Er schickt zusammen mit vier gestandenen französischen Männern – mit Caliban, Alain, Charles und Ramon – die Leser durch die Absurditäten seiner Schöpfungsgeschichte, durch die, gemäß der Bibel, sieben Kapitel seines Buches, in denen er einen unscheinbaren Allerweltsalltag mit ebenso unscheinbaren Allerweltsmenschen erschafft.

Das ist literarisch grandios, von abgeklärter Altersweisheit, dabei immer von einer genialen, trauerumflorten Komik. Kundera, der gebürtige Tscheche, der am 1. April seinen 86. Geburtstag feiert, der seit 1981 französischer Staatsbürger ist und 1984 mit „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ zu Weltruhm gelangte, hat seit seinem Buch „Die Unwissenheit“ eineinhalb Jahrzehnte verstreichen lassen, bis er sich endlich wieder künstlerisch zu Wort meldet.

Von seinen Figuren lässt er sich „unser Meister“ nennen. Und wenn er ihnen ein bisschen Literatur an die Hand gibt, um sich über Hegel, Schopenhauer oder die einstigen Sowjet-Granden zu informieren, dann darum, um seine kleinen französischen Helden aus dem Reich historischer Unwissenheit herauszuführen hinein in die Geschichte als Farce. Dabei haben die mit sich selbst genug zu tun: mit der jungen Freundin, mit der man sich den Motorroller teilt; mit einer geheimnisvollen Mutter, die einst der Männerwelt getrotzt und Sohn und Mann verlassen hat; oder mit der Frage, wie sich am leichtesten die schönen Frauen abschleppen lassen – nämlich zu kokettieren mit einer angeblichen Krebserkrankung und der eigenen Tapferkeit oder als unscheinbarer Trottel zielgerade den erotischen Verlockungen zu folgen.

Dieses Buch lässt einen staunen – darüber, wie komplex Kundera sein Thema, seine Geschichte, seine Philosophie auf nicht einmal 150 Seiten ausbreitet; wie er den Verlust von Utopie, Individualität und letztlich auch von Europa diagnostiziert. Doch alles geschieht mit jener – wörtlich genommen – federhaften Leichtigkeit des Seins, mit der Kundera seit jeher so meisterlich seine Welt beschreibt.

Das gelingt nur den Großen unter den Schriftstellern. Keinerlei Ausflüchte in überbordende Zustandsbeschreibungen, kein eitles Sich-Ergehen in Wortmalereien, man darf manches ruhig zweimal lesen, um dahinter zu kommen, welche Zusammenhänge er unter der oftmals ironisch-symbolischen Textoberfläche verbirgt. Geradezu ahnungsvoll erscheint es, wenn eines der Kundera-Geschöpfe die Gegenwart als die „Dämmerung der Scherze! Die Epoche des Après-Witzes“ betrauert. Da rettet einen nur die Bedeutungslosigkeit. Sie ist, so der große, weltberühmte Autor, „die Essenz der Existenz, sie ist der Schlüssel zur Weisheit“.

Milan Kundera:

„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Carl Hanser Verlag, München, 140 Seiten; 16,90 Euro; das Buch erscheint am Montag.

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