BREGENZ RÜSTET SICH FÜR DIE ZWEITE „CARMEN“-SERIE UND ERWARTET ÜBER 200 000 BESUCHER, IM FESTSPIELHAUS KOMMT „BEATRICE CENCI“ HERAUS

Im größten Nagelstudio der Welt

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Von Markus Thiel. Auch Spliss und Risse müssen gepflegt werden.

Erst recht, wenn es sich wie hier, bei den mutmaßlich größten Fingernägeln der Welt, um einen Teil der Bühnenkonzeption handelt: Carmens Hände, man bedenke den Charakter der Opernheldin, können nicht wie frisch aus dem Nagelstudio strahlen. Trotzdem brauchen sie, nach 28 Vorstellungen bei den Bregenzer Festspielen im vergangenen Jahr, eine Maniküre. Die ist jetzt abgeschlossen. Und mit größten Erwartungen blickt das Festival auf den zweiten Durchgang der Bizet-Oper in diesem Sommer. Für den denkt man sogar angesichts der Nachfrage an einen 29. Abend, Wiederaufnahme-Premiere ist am 19. Juli. 100 Prozent Auslastung 2017 bei jeweils 7000 Plätzen, eine fast konkurrenzlose Eigenfinanzierung von 82 Prozent: Es scheint, als habe sich Bregenz selbst zum Erfolg verdammt.

Die Intendantin Elisabeth Sobotka sieht das nicht ganz so. Giuseppe Verdis „Rigoletto“ soll bekanntlich 2019 und 2020 auf dem Bodensee gespielt werden. „Ich glaube, dass wir die ,Carmen‘-Quote nicht erreichen werden – finde das aber auch gar nicht schlimm.“ Für Bregenz ist der Repertoireschlager sogar eine Art Wagnis: „Rigoletto“ wurde dort noch nie gezeigt, „Carmen“ erlebt immerhin ihre dritte Inszenierung. Dass die spektakuläre Schlussszene auch Risiken birgt (die Titelheldin wird von Don José im Bodensee ersäuft), brachte die Verantwortlichen auf einen Plan B. Falls die Sache mit dem verborgenen Sauerstoffgerät für die Sängerin nicht funktionieren sollte, hat der Tenor ein Messer in der Tasche zwecks stücküblichem Mord. Und einmal, so verrät Sobotka, musste Carmen 2017 tatsächlich auf diese Weise gemeuchelt werden.

Neu ist im kommenden Sommer die Oper im Festspielhaus. Wieder ein unbekanntes Stück, wieder, so hoffen die Bregenzer, eine Entdeckung. Der Dreiakter „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt (1903-1996) wurde 1988 in London konzertant das erste Mal gespielt, die szenische Uraufführung war 1994 in Magdeburg. Die Geschichte spielt im Rom des 16. Jahrhunderts: Beatrice, vom Vater vergewaltigt, und ihre Stiefmutter wollen sich von diesem Tyrannen befreien. Die Tat gelingt, nach einem vergeblichen Gnadengesuch beim Papst werden beide Frauen hingerichtet.

Premiere ist am 18. Juli, Johannes Debus dirigiert die Wiener Symphoniker. Es inszeniert Johannes Erath, der auch schon den Münchner „Un ballo in maschera“ betreute. Intendantin Elisabeth Sobotka sieht „Beatrice Cenci“ als „Weiterentwicklung von Puccinis ,Tosca‘“ – womit auch die Musik Goldschmidts gemeint ist, die die Tonalität nie aus den Augen verliert. Überhaupt ist der kommende Festspielsommer einer der besonderen Frauenfiguren. Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“ läuft auf der Werkstattbühne, der österreichische Komponist Thomas Larcher steuert die Uraufführung von „Das Jagdgewehr“ bei über einen seitenspringenden Jäger – und Brigitte Fassbaender inszeniert fürs Theater am Kornmarkt und das Opernstudio Rossinis „Barbier von Sevilla“.

Um das zwielichtige, zwiespältige Verhältnis von Politik und Kunst dreht sich ein Gastspiel des Kultpuppenspielers Nikolaus Habjan, der schon am Münchner Residenztheater tätig war und im Prinzregententheater Webers „Oberon“ herausbrachte. Habjans „Böhm“ befasst sich mit Karl Böhm, einem Sympathisanten des NS-Regimes. Der Dirigent hatte auch eine enge Beziehung zu Bregenz, 1980 dirigierte er zur Eröffnung des Festspielhauses am Pult der Wiener Symphoniker Beethovens Neunte. Das Festivalorchester hätte hier noch genügend Stoff zur Vergangenheitsbewältigung: Herbert von Karajan amtierte von 1950 bis 1960 als Chefdirigent. Er trat der NSDAP bekanntlich gleich zweimal bei.

Informationen

zum Vorverkauf und zum Spielplan mit den weiteren Premieren unter

www.bregenzerfestspiele.com

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare