Grandioses Erlebnis

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Hubert Gerhard (um 1545/ 50–1620) schuf die Brunnengruppe mit Venus, Amor und Mars 1590 in Augsburg. Foto: BNM

Das Nationalmuseum prunkt mit einer einzigartigen Schau über europäische Bronzekunst in Süddeutschland um 1600. Von Simone Dattenberger.

Wer bei „Bella Figura“ an topmodisch gewandete Herrschaften denkt und bei „Europäische Bronzekunst in Süddeutschland um 1600“ zu gähnen anfängt, liegt so oder so falsch. Beides hat mit einer Sensation zu tun – und mit viel Erotik. Haupt- und Untertitel der Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum an der Münchner Prinzregentenstraße sagen die Wahrheit und informieren genau.

Dem, der nicht weiß, welch hinreißende Bellezza hinter jenen Plastiken steckt, kann jetzt geholfen werden: Eine unglaublich exquisit bestückte Schau können Museumschefin Renate Eikelmann, Kurator Jens L. Burk und deren wissenschaftliches Team bieten. „Alles, was je an solchen Werken in Bayern war und deren Vorbilder“, so Eikelmann, könne bestaunt werden. „Das wird es so nie wieder geben“, denn die Leihgaben kämen aus aller Welt. Allein, dass die Münchner den berühmtesten Merkur, den „Medici-Merkur“ von Giambologna (um 1529 bis 1608) aus dem Museo Nazionale del Bargello losgeeist haben, kann man eigentlich gar nicht glauben.

Er begrüßt die Gäste der Präsentation, denn der erste Saal ist dem Götterboten Merkur gewidmet. Da er der Namenspatron unserer Zeitung ist, werden wir ihm in nächster Zeit auf einer Sonderseite huldigen. Für die süddeutsche Bronzekunst zwischen Renaissance und Barock, also für den Manierismus, ist dieser Giambologna von höchster Bedeutung. Der gebürtige Flame gehörte zum prunkvollen Medici-Hof in Florenz, den sich Fürsten oder Patrizier wie die Augsburger Fugger zum Vorbild nahmen. Das hieß für die Künstler, wiederum ihre in Italien aktiven Kollegen als Vorbilder nachzuahmen und das Gelernte weiter zu entwickeln. Und in den bayerischen Herzögen sowie den Augsburger  Handelsherren hatten die Bildhauer beste Auftraggeber.

Im Nationalmuseum ist die gesamte Bandbreite von Skulpturen aufgefahren worden. Von  der  kleinen Figur für die Kunstkammer, die der Kenner ganz persönlich und innig im ästhetischen Dialog mit dem Werk genießen konnte, bis zum monumentalen Koloss im Tonnen-Bereich, der  auf öffentlichen Plätzen einen Brunnen schmückte. Darüber hinaus gibt es Reliefs, zum Beispiel für Kreuzwegstationen, charmante, fantasiesprühende Plastiken, die den Garten zierten, Herrscherbüsten und natürlich Kruzifixe und Heilige. Ergänzt wird dieser Reigen in Bronze von Papierarbeiten, nämlich Entwurfszeichnungen, etwa für Herzog Wilhelms V. Grabmal, oder Druckgrafiken, die begeistert die Skulpturen „reproduzierten“. Manche waren so raffiniert, dass es mehrere Blätter brauchte, um die verschiedenen Ansichten einer einzigen „bella figura“ zu vergegenwärtigen. Die andere Ergänzung widmet sich der Technik des Bronzegusses. Sowohl ein Film wie ein Beispielfigürchen vom Drahtgerüst bis zur fast fertigen Gestalt schildern, was für einen Aufwand so ein Verfahren mit sich bringt. Und das in einer Zeit ohne Hochtechnologie.

Deswegen steht man als Betrachter nicht nur staunend vor den Riesen-Bronzen. Etwa vor Giambolognas lebensgroßem Gekreuzigten für Wilhelm V. Der Bildhauer schuf zum ersten Mal ein Kruzifix (1593/94) von solch Ausmaß. Dass der Medici-Hofkünstler überhaupt für den Bayern arbeiten durfte, verdankt sich einer relativ frisch entstandenen Verwandtschaft. 1565 hatte Francesco de Medici Erzherzogin Johanna von Österreich geheiratet. Sie wiederum war die Schwester von Anna, der Frau von Herzog Albrecht V., Wilhelms Vater. Übrigens ist dieses Kruzifix, das  sehr  oft  nachgeahmt wurde,  seit  es  1602  in der Michaelskirche aufgestellt worden war, von edler Schlichtheit. Der Künstler verzichtete auf jeglichen Effekt. Das Leid schilderte er als verinnerlicht und gab so dem Betenden die Möglichkeit zur ruhigen, nachdenklichen Andacht.

Das beweist die Größe dieses Künstlers, den wir doch als Meister des Manierismus kennen. Jener Kunstrichtung, die das Komplizierte liebte. In der Bildhauerei konnte es nicht verzwickt genug zugehen. Die Ausstellung zeigt das im Saal mit den Bronzen für den Kenner. Figuren schrauben sich umeinander, Gliedmaßen führen einen seltsamen Tanz auf. Die Skulpturen werden fast zu kinetischen Objekten und ziehen den Betrachter in den Bann: Das heißt, auch er tanzt mit – um die Gruppe herum, ansonsten entgeht ihm viel. Was für ein Erlebnis für die Menschen damals, die zumeist die sehr ruhigen Gestalten der Romanik und Gotik gewöhnt waren! Theseus und Antiope, Herkules und der Kentaur Nessus mit Deianeira, Psyche und Hermes, Satyr und eine schlafende Schöne oder der Raub der Sabinerin, alle erzählen nicht nur von Sex und Gewalt, sondern auch vom stupenden Können der Bildhauer; neben Giambologna, Antonio Susini, Adriaen de Vries, Hubert Gerhard oder Hans Mont van Gent. Sie sind an die Grenzen des Machbaren gegangen in ihren Figurenkompositionen – ein wunderbarer Wirbel.

„Bella Figura“ – eine Exposition, die nie zustande gekommen wäre, da der Freistaat Bayern das Nationalmuseum finanziell im Stich lässt – versteht sich selbst auch aufs raffinierte Inszenieren. Der Besucher schraubt sich eine Wendeltreppe hinab, und nach einem kleinen Türchen: der mächtige Augsburger Venus-Mars-Amor-Brunnen von Gerhard (1590). Ein Meisterwerk, das später keiner mehr so richtig gern aufstellen wollte, denn Mars ging Venus erotisch doch recht offensiv an.

Bis 25. Mai,

„Medici-Merkur“ nur bis 8. März, Di.–So. 10-17 Uhr, Do. bis 20 Uhr; Katalog (Hirmer Verlag): 44,50 Euro; Städteführer zu den Bronzen in München und Augsburg (Hirmer): 10 Euro.

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