„He has good Technik“

Das englische Fußballfachvokabular hat er locker drauf: Lothar Matthäus dient dem britischen Privatsender ITV als Experte bei der derzeit laufenden EM. Foto: dpa
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Das englische Fußballfachvokabular hat er locker drauf: Lothar Matthäus dient dem britischen Privatsender ITV als Experte bei der derzeit laufenden EM. Foto: dpa

Die Europameisterschaft im Fernsehen . In Deutschland wird Ex-Fußballer Lothar Matthäus belächelt, als Experte im britischen Fernsehen genießt er Kultstatus.

VOn Michael Rossmann

Ein Lothar Matthäus kommt nicht im Sweatshirt, ein Lothar Matthäus putzt sich für den Auftritt im Fernsehen gerne etwas heraus. Schicker schwarzer Anzug, schwarzes Hemd und ein violettes Einstecktuch, das keck aus der Brusttasche des Jacketts hervorlugt. So sitzt der 55-Jährige während der Fußballeuropameisterschaft in Frankreich im Studio des britischen Privatsenders ITV und plaudert engagiert mit einstigen englischen Fußballgrößen.

Ein Lothar Matthäus hat keine Angst, sich zu blamieren. Mit seinem zuweilen putzigen fränkischen Englisch („He has good Technik“) redet er munter drauflos. Der Wortschatz ist eher knapp, Nebensätze sind eher selten. Das englische Fußballfachvokabular aber hat der Weltmeister von 1990 inzwischen locker drauf und benutzt es eifrig. Ein anderer als Matthäus würde sich das bei diesen Vorkenntnissen wahrscheinlich gar nicht trauen – sich in ein Fernsehstudio zu setzen und auf Englisch über Fußball zu parlieren. Und sich dann auch noch mit einheimischen Experten vor laufender Kamera in Diskussionen zu stürzen.

In seiner Heimat nehmen den einstigen Weltfußballer viele Fußballfans nicht mehr wirklich ernst. Das hat zum einen wohl mit seinem Liebesleben zu tun, das er durchaus öffentlich zelebriert. Zum anderen mit seinen mäßig erfolgreichen Versuchen, nach der großartigen Laufbahn als Spieler eine ebensolche Karriere als Trainer zu starten. Nach den letzten Kicks bei den Metro Stars in New York absolvierte er sieben Trainerstationen in zehn Jahren, darunter als Nationalcoach von Ungarn und Bulgarien – mit überschaubarem Erfolg. Nicht mitgezählt ist dabei sein Traineramt bei Borussia Banana, das er zwischenzeitlich für den Sender RTL 2 übernahm. Dass es ihn durchaus in die Öffentlichkeit zieht, davon zeugte auch die Vox-Porträtreihe „Lothar – Immer am Ball“.

Ein Lothar Matthäus lässt sich davon nicht unterkriegen. Er hat sich ein neues Betätigungsfeld im Fußball erarbeitet. Zu den Anfängen gehörten wechselnde Gastspiele bei deutschen Sendern. Für Aufsehen sorgten die Auftritte für den arabischen Sender Al Jazeera während der WM in Südafrika im Jahr 2010. Als „Lothar von Arabien“ versorgte er die Zuschauer im arabischsprachigen Raum mit seinen Meinungen und Einschätzungen, übte dabei sein Englisch. Bei der WM in Brasilien vor zwei Jahren arbeitete Matthäus für O Globo, wurde simultan übersetzt und gelobt. Seit 2012 arbeitet er regelmäßig als Experte beim Bezahlsender Sky. Auf Deutsch, doch Fernsehpreise wird er voraussichtlich damit nicht gewinnen.

In Großbritannien wird er mehr geschätzt. Auch wenn britische Zeitungen gemein sein können. Wie der „Guardian“, der lästerte, sein Akzent sei so „dick, dass man damit Bullen umstoßen“ könne. Der „Telegraph“ nennt ihn „unberechenbar“. Die Kritik deutet insgesamt aber auf Respekt für Matthäus. Das erinnert ein bisschen an Boris Becker, bei dem den meisten Deutschen – nach Wimbledon – schnell auch das Wort Besenkammer einfällt. Seit vielen Jahren arbeitet der einstige Tennisstar für die BBC und wird mit Komplimenten überhäuft.

Für Becker und eben auch für Matthäus könnte das Sprichwort vom Propheten gelten, der im eigenen Lande nichts gilt. Immerhin muss er sich dafür hierzulande nicht wie seine Kollegen Mehmet Scholl und Oliver Kahn mit Meldungen über angebliche Millionenhonorare herumschlagen. Stattdessen gibt’s bei ITV Lob dafür, dass er einige EM-Ergebnisse richtig vorhergesagt hat.

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