HERBERT BLOMSTEDTS DENKWÜRDIGE JOHANNES-PASSION BEIM BR-SYMPHONIEORCHESTER IM RAHMEN DES MERKUR-KONZERTABOS

Im goldenen Schnitt

Kollegialer Dank: Herbert Blomstedt (Mi.) mit Konzertmeister Florian Sonnleitner und Evangelist Mark Padmore. Foto: Meisel
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Kollegialer Dank: Herbert Blomstedt (Mi.) mit Konzertmeister Florian Sonnleitner und Evangelist Mark Padmore. Foto: Meisel

von Markus thiel. Mit gängigen Mustern kommt man bei ihm nicht weiter.

Nicht mit „Altersstil“ (dazu ist der 89-Jährige zu agil und neugierig), nicht mit „historisierend“ (dazu ist er zu frei im Umgang mit Erkenntnissen der Aufführungspraxis), auch nicht, wie gern bei Bachs Vertonungen der Leidensgeschichte Jesu, mit „theatralisch“ – über all das ist Herbert Blomstedt, wie jetzt im Münchner Herkulessaal zu erleben, ja weit hinaus.

Womöglich muss man erst ein langes, erfülltes Kapellmeisterleben hinter sich haben, um zur Erkenntnis zu gelangen: Inhalte können zwar entdeckt, müssen aber nicht aufgedrängt werden. Bei Bachs Johannes-Passion mit dem grandios reagierenden Chor (Einstudierung: Michael Gläser) und dem exquisit besetzten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist ein solches Selbstverständnis ideal.

Eine Interpretation des goldenen Schnitts. Blomstedt, der zwei pausenlose Stunden im Stehen dirigierte, sorgt zwar für Plastizität, aber eben auch für jene (Nach-)Denkräume, in denen sich jeder Hörer frei bewegen kann. Choräle, das wird hier vorgeführt, benötigen nur behutsame Wort-Hervorhebungen, um verstanden zu werden. Die bewegten Szenen des zweiten Teils müssen nicht forciert werden. Es gibt tatsächlich eine sehr reflektierte, nie überreizte Dramatik – eine Haltung, der sich auch der überragende Mark Padmore als Evangelist verpflichtet fühlte.

Überhaupt wucherte der Abend mit den männlichen Solisten. Mit dem sehr aktiven, immer geschmackvoll dosierenden Andrew Staples (Tenor), mit Krešimir Stražanac als Bass-Felsen, mit Peter Harvey, der den Christus nicht zu hoheitsvoll, auch als einen von allen Enttäuschten zeichnete. Chorist Andreas Burkhart blieb als Pilatus mindestens auf Augenhöhe mit seinen an der Rampe postierten Kollegen. Elisabeth Kulman (Mezzosopran) gestaltete kühl-ausdrucksstark, Anna Prohaska „verlängerte“ dies quasi in die Sopranregion, gestattete sich, im Auskosten von Details, auch kleine Divenmomente.

Eine bestechend großbogig gedachte Aufführung. Blomstedt entwickelte das Geschehen vom überraschend zügigen Eingangschor mit seinen beunruhigenden Klangreibungen (die später in den Arien überdeutlich widerhallten) über die natürlich aufblühenden Choräle bis zum wörtlich genommenen, sehr langsamen „Ruhet wohl“. Alles in bester, wichtiger, beruhigender Ordnung nach dem aufwühlenden Geschehen, schien Blomstedt mit diesem glaubensfesten Schluss zu signalisieren. Standing Ovations.

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