UM KLARE WORTE IST OSKAR ROEHLER IM INTERVIEW NICHT VERLEGEN – NUN STARTET SEINE GROßARTIGE SATIRE „HERRLICHE ZEITEN“

„Goethe langweilt mich“

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„Sie machen einen Fehler, und es öffnen sich die Pforten der Hölle“ – solche Filmstoffe liebt Oskar Roehler. Und lässt deshalb Evi (Katja Riemann) und Claus (Oliver Masucci, Mi.) genau dieses Szenario durchleben. Oder ist es kein Fehler, Bartos (Samuel Finzi, re.) in ihr Heim zu lassen? Die Antwort liefert „Herrliche Zeiten“ ab Donnerstag im Kino. Concorde

Er gilt als Bad Boy der deutschen Kino- und Literaturszene.

Oskar Roehler, 59, Sohn von Autorin Gisela Elsner und Klaus Roehler, eckt an. Zuletzt mit seinem Roman „Die Selbstverfickung“. Nun folgt der Kinofilm „Herrliche Zeiten“ – eine bitterböse Gesellschaftssatire. Es ist eine Adaption von Thor Kunkels „Subs“. Der Autor steht in der Kritik, weil er umstrittene Wahlplakate für die AfD entworfen hatte („,Burkas?‘ Wir steh’n auf Bikinis“). Wir trafen den ungemein charmanten Roehler in Berlin. Ein Gespräch über politische Korrektheit, langweilige Literatur und das Böse in uns allen.

-In der Pressemappe wird betont, dass Thor Kunkel zu der Zeit, als Sie sich für die Verfilmung seines Buches entschieden, ein politisch unbeflecktes Blatt war. Nervt Sie diese politische Korrektheit?

(Lacht herzlich.) Ja, klar, aber was soll man machen? Wenn Sie das sofort rauslesen, dass da eine Brücke zum politisch Korrekten gebaut werden soll, kann ich nicht widersprechen. Aber ich finde den Hinweis insofern schon richtig, weil immer wieder irgendjemand schreibt: „Jetzt verfilmt er auch noch einen Roman von Kunkel.“ Da muss ich mich wehren. Es ist einfach Fakt, dass es, als „Subs“ rauskam, keine politischen Diskussionen um Thor Kunkel gab.

-Angesichts von Debatten um Dieter Wedel, Kevin Spacey oder Kunkel steht die Frage im Raum: Darf man Kunst unabhängig vom Künstler genießen?

Diese Debatte finde ich wahnsinnig deprimierend. Wenn man jetzt fordert, dass ein Regisseur, der am Set politisch unkorrekte Äußerungen gemacht hat, davon verbannt wird, finde ich das schwierig. Weil die Betreffenden alle Kaliber sind, die mit political Incorrectness spielen. Das sind Zyniker, das sind machtbesessene Wilde, deshalb sind sie dahin gekommen, wo sie sind. Das sind Leute, die Menschen verachten. Vielleicht, weil sie wenig Empathie haben und unglücklicherweise noch dazu intelligenter sind als andere.

-Künstler müssen keine guten Menschen sein?

Nein. Hitchcock war kein guter Mensch, Fassbinder war kein guter Mensch, Pasolini war kein guter Mensch, Bergman war mit Sicherheit auch kein guter Mensch und Lynch ist es ebenso wenig. Mich nervt, wenn die Debatte ständig im Kreis läuft und am Horizont nichts Größeres sichtbar wird. Es muss was Großes kommen! Sollen die Frauen kommen, sollen sie mutig sein – und dann müssen Sachen passieren.

-Dann muss es knallen wie jetzt in Ihrem Film? Wie viel Spaß hatten Sie an der vorletzten, ziemlich rabiaten Szene?

Sehr, sehr viel Spaß. Das ist mein Highlight. (Lacht.)

-Darin kommt der sonst weit entfernte Krieg plötzlich in die Nachbarschaft.

Ja, das war eine tolle Idee von Drehbuchautor Jan Berger. Dass hier Leute, die nicht mehr in der Lage sind, zur Selbstverteidigung einen Finger zu rühren, die Krieg nur aus dem Fernsehen kennen, einen Fehler machen – und dann öffnen sich für sie die Pforten der Hölle. Der Film fragt: Wie ist dieses Gen verloren gegangen, zumindest für die Selbstverteidigung noch zu sorgen? Und dann ist da das Grundmotiv, dass die Moral des Einzelnen auf die Probe gestellt wird. Ein beliebtes filmisches Sujet. Du wirst ja im echten Leben nicht so leicht auf die Probe gestellt.

-Gott sei Dank!

Na gut, man hört schon ab und zu wahre Geschichten, die in Mord und Totschlag enden. Die gab’s früher im „Stern“ und in der „Quick“ – diese schrecklichen Sachen aus der Provinz. Mädchen, die davon träumen, nach oben zu kommen – und Leichen pflastern ihren Weg. So was liebe ich. Doch das Genre hat sich in Deutschland nie durchgesetzt, weil die hier ja keinen Spaß haben an den wirklich heißen, geilen Geschichten.

-Woran liegt das?

Ach, weil sie einem immer so eine Moral aufstülpen müssen. Sie sind ja damit aufgewachsen, dass sie Schuld auf sich geladen haben.

-Wieso trauen Sie sich, das anders zu machen?

Ich bin einfach ausgeschert. Ich hab’ mich nicht mit der deutschen Kultur beschäftigt die vergangenen 30 Jahre. Klar hab’ ich deutschsprachige Literatur immer mal gelesen. Aber nicht den gesamten Kanon der quasi vom bürgerlichen Establishment vorgeschriebenen, schon in der Schule begonnenen Goethe-Scheiße. Goethe-Scheiße hab’ ich immer ausgelassen. Weil ich’s furchtbar schlecht und langweilig finde.

-In Ihrem Film geht es auch um die Frage: Was müssen wir ausblenden, um töten zu können?

Den ganz, ganz dünnen Firnis der Zivilisation, den man uns mühsam beigebracht hat, den muss man ausschalten. Aber das machst du mit ’nem Fingerstreich. Unbeobachtet sind alle zu allem im Stande.

-Zu allem?

Alle zu allem, ja.

-Glauben Sie wirklich?

Ja, ich glaube, wenn die Dosis hoch genug ist an Schmerz, Erpressung, Hass und Verachtung, ja. Sogar Sie!

-Wieso gibt es dann Menschen, die sich für andere opfern, statt zu töten?

Ahhh! Es soll ja die 16 Heiligen geben, die die Welt retten. Dann sind das wahrscheinlich welche davon. (Lacht.)

-Im Grunde unserer Herzen sind wir alle böse?

Ja, ich glaube an das Homo-homini-lupus-Prinzip. Aber ich bin auch in der jüdischen Literatur aufgewachsen, mit Kafka und den Coen-Brüdern, die ja ein ganz, ganz schwarzes Weltbild haben.

-... und uns trotzdem zum Lachen bringen. Auch Sie mit Ihren Filmen.

Ja, weil die jüdischen Schriftsteller die bittere Pille geschluckt haben – danach wird ein Teil deines Wesens einfach zum Clown. Du kannst die hehren Ideale der Menschheit dann nicht mehr so ernstnehmen. Davon hast du dich zumindest befreit. Dass die jüdische Erfahrungswelt um diese Katastrophe „bereichert“ wurde, hat fantastische Autoren hervorgebracht. Die haben sich daran abgearbeitet. Das ist der Unterschied zu dieser romantisch verbrämten idealistischen Literatur, die Deutschland stumpfsinnigerweise hervorgebracht hat.

-Auch aus der eigenen Geschichte heraus.

Ja, aber die hat so etwas Altväterliches, wo du denkst: Will ich die Wälder, will ich die deutschen Urbräuche? Nee, eigentlich nicht. Die deutsche Gesellschaft war zutiefst biedermeierisch und spießig. Da gehe ich eher mit Kafka.

-Da haben Sie sich ja den größten Optimisten herausgesucht.

Stimmt. (Lacht.)

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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