Wer im Glashaus sitzt

Premierenkritik . David Marton gelingt an den Münchner Kammerspielen die Dekonstruktion von Bellinis Oper „La Sonnambula“.

Von Malve Gradinger

Theater als moralische Anstalt, als Konsumtempel des Bildungsbürgers, dann Regie-Theater – seit dem 18. Jahrhundert haben einige Veränderungen stattgefunden. Bei Münchens Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal, im Zeitalter von Smartphone-Nutzern und Wikipedianern dem homo (technico-)ludens 2016 Rechnung tragend, wird das Theater zur Denkfabrik, zur Spielwiese. Was nicht unklug ist, denn im Spielen generieren sich neue Formen. Mit Philippe Quesnes bildnerischer Romantik-Collage „Caspar Western Friedrich“ gelang das nicht (wir berichteten), dafür tags darauf, am vergangenen Freitag, in Kammer 3, umso glücklicher bei David Marton. Seine postmoderne Dekonstruktion von Vincenzo Bellinis „La Sonnambula“ (1831) ist hinreißendes Musiktheater: intelligent, humorvoll, poetisch – und musikalisch nie oberflächlich.

Aber nur konsumieren geht hier nicht. Spielerisch mitdenken muss man, wenn Michael Wilhelmi, Spielleiter und Pianist, sich wortreich versteigend in noch ganz andere Surrealitäten, Marcel Duchamps ungegenständliches „Großes Glas“ von 1915 zu erklären sucht – das eine neuvermählte Braut darstellen soll. Im Prinzip ging es Duchamp um „die Vermählung von geistigen und visuellen Reaktionen“ beim Betrachten. Diese doppelte Wahrnehmung ist auch Martons Forderung. Bei ihm sitzt die „Braut“ in einem Glas-Kubus, Gefangene ihres Schlafwandelns – zugleich ist sie Yuka Yanagihara, die ihre Amina-Rolle einstudiert, mit Hilfe vom Band zugespielter früher Tonaufnahmen. Marton bricht und bewahrt die Bellini-Nostalgie ohne Forcierung. Die Geschehnisse in Aminas Dorf werden in Szenen eingefangen, die in ihrer bildkräftigen Einfachheit an diese Art des „durchsichtigen“ Theaters glauben machen: skurril, wie die Dörfler als schnurrende Marionetten vom Gasthauszimmer auf Aminas Schlafwandeln herabschauen; erotisch und herzberührend Lisas erneuter Versuch, den liebesverletzten Elvino wieder für sich zu gewinnen. Umwerfend Jelena Kulji´c und Hassan Akkouch in diesem Pas de deux aus zarter Hautberührung und Umarmung.

Aber auch die dramaturgische Öffnung von Felice Romanis „Sonnambula“-Libretto für die Gegenwart gelingt stimmig. Akkouch projiziert Bilder seiner libanesischen Familie, die Frauen mit Kopftuch – da sind wir mitten im Heute. Der Rodolfo von Paul Brody kommt als Musikus-Ami von der Zuschauertribüne, lässig-breiter US-Akzent und leutselige Allüre, um mit Akkouch Antipasti zu verzehren. Gestern und jetzt, das ist bei Marton nicht weit voneinander entfernt. Auch nicht in der Musik. Während Yanagihara mit exzellentem Sopran ihre Liebes-Arie singt, verselbstständigt sich Wilhelmis Begleitung am Flügel plötzlich zu einem wilden Tasten-Ritt. Brody an seiner Trompete holt sehr fein den Schmelz aus den Bellini-Melodien, um dann frei improvisierend abzudriften. Und Kulji´c serviert uns das Volksliedhafte in Bellinis Oper, lässt außerdem immer wieder, auch im Duett mit Yanagihara, ihre dunkle Jazzstimme glühen. Es steckt unendlich viel – liebevolle! – Arbeit in dieser musikalischen Anverwandlung.

Alle trugen dazu bei. Auch Daniel Dorsch, der auf der Bühne die E-Tasteninstrumente bedient und als unerbittlich feinhöriger Dirigent durch die Szenerie geistert. Nach dieser Kreation ist man schon gespannt, was Marton demnächst mit Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ vorhat. So jedenfalls hat das neue „Opernhaus“ der Kammerspiele Zukunft.

Weitere Vorstellungen

heute, 7., 14., 25. 2., Karten 089/ 233 966 00.

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