„Getroffene Hunde bellen eben“

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INTERView Christian Thielemann, Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, über den Kompetenzstreit an der Semperoper

Zwei Kampfhähne geraten aneinander, und nun steht die Dresdner Semperoper vor einem Scherbenhaufen? Ganz so einfach ist die Sache nicht. Viel deutet darauf hin, dass Christian Thielemann, Chefdirigent der dortigen Staatskapelle, den gerade geschassten Beinahe-Intendanten Serge Dorny nicht weggebissen hat. Eher scheint es, dass Dorny, der am Freitag seine fristlose Kündigung bekam (wir berichteten), die Situation des Hauses falsch eingeschätzt hat. Die starke Position der Staatskapelle einfach zu hinterfragen, vielleicht sogar zu untergraben: Mit solch einem Unterfangen wird an der Elbe automatisch Alarmstufe Rot ausgelöst.

Dass Dorny mit rüpelhaftem, selbstherrlichem Auftreten die komplette Belegschaft gegen sich aufgebracht hat, dieser Vorwurf lässt sich allerdings wohl nicht halten. Wie aus dem Hause zu hören ist, hat der Belgier mit manchen Abteilungen konstruktiv zusammengearbeitet. Dennoch ist das alles eine fatale Entwicklung, die der Semperoper erheblichen Schaden zufügt – zumal auch die sächsische Kunstministerin Sabine von Schorlemer mit ihrer undiplomatischen Wortwahl Dorny gegenüber keine souveräne Figur macht: Wer soll sich dort noch für eine Intendanz interessieren? Im Interview mit unserer Zeitung beteuert Chefdirigent Thielemann: Er sei an alledem nicht schuld.

-Serge Dorny hat Ihnen vorgeworfen, Sie seien nur „an Ihrer Kapelle“ interessiert.

Herr Dorny hat einen Vertrag unterschrieben, der von seinem Anwalt ausgehandelt wurde, und damit müsst’s eigentlich gut sein. Wie es dazu kam, dass er plötzlich meint, seine Befugnisse und Kompetenzen genügen ihm nicht mehr, ist mir ein Rätsel. Es gab Gespräche, in denen Herr Dorny all das verändern wollte. An diesen Ereignissen allerdings bin ich nicht schuld – auch wenn es mancher so darstellt.

-Sind Sie denn zu mächtig in Dresden?

Fabio Luisi und Giuseppe Sinopoli hatten in Dresden einen fast gleichlautenden Vertrag wie ich. Einen Chefdirigenten-Einheitsvertrag gewissermaßen. Bis kurz vor dem Ende haben Herr Dorny und ich uns blendend verstanden. Es gab einen hohen Grad von Vertrauen und Nettigkeit, sowohl in unseren vier, fünf Treffen, als auch in den Briefen und Telefongesprächen. Ich habe gehört, dass es auf einmal Auftritte à la Monsieur le Président gab. Dass sich die Sache so zugespitzt hat, fand ich nicht sehr schön.

-Hemmt denn die Staatskapelle durch ihre starke Stellung die Planung eines Intendanten?

Orchester haben ganz allgemein eine gewisse Eigendynamik, nicht nur in Dresden, sondern auch zum Beispiel bei den Münchner Philharmonikern. Wenn die was wollen, muss man sie auch anhören. In Dresden gibt es nun eine originäre Macht der Staatskapelle, und die resultiert aus ihrer 450-jährigen Geschichte. Die Kapelle ist nicht nur eine Sparte des Hauses, man kann sie daher nicht so behandeln. Das ist einfach Tradition hier: durchaus auch eigene Wege verfolgen zu können, um letztlich gemeinsam Erfolg zu haben. Die „Elektra“ ist das schönste Beispiel dafür. Die war eben nicht nur ein Erfolg für die Staatskapelle, sondern für das ganze Haus. Niemand hätte es Herrn Dorny mehr gedankt als die Kapelle, zukünftig häufiger solche Produktionen auf die Beine zu stellen. Herr Dorny wollte nun die Dinge zusammenlegen. In dieser Hinsicht halte ich ihn für extrem unerfahren, er hat sich nicht ausreichend mit der Geschichte des Hauses beschäftigt.

-Serge Dorny kam ja mit seinen Ansichten und Plänen nicht wie ein Naturereignis über Dresden. Es muss in den vergangenen Wochen Einschneidendes passiert sein.

Mir gegenüber war er immer freundlich. Ich ahnte irgendwann, dass sich was zusammenbraut. Von der Vehemenz der Entwicklung war ich aber ziemlich überrascht. Die Kapelle und ich sollen etwas blockiert haben? Da sind wir baff. Dominique Meyer, der Intendant der Wiener Staatsoper, kann schließlich auch den Wiener Philharmonikern nicht reinregieren, was ihre Konzerte im dortigen Musikverein betrifft.

-Die sächsische Kultusministerin Sabine von Schorlemer hat ihre Stellungnahme zur Kündigung des Intendanten hart formuliert. Ein solcher Tonfall ist mehr als ungewöhnlich.

Es gab eben sehr viele Irritationen in der Semperoper. Die Kunstministerin hat völlig richtig gehandelt. Im Hause, das spüre ich, herrscht nun Erleichterung. Ich habe mich ursprünglich auf diesen Intendanten sehr gefreut. Doch wie er jetzt reagiert in seinem offenen Brief und in Interviews... Getroffene Hunde bellen eben. Aber davon lassen wir uns nicht provozieren.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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