Georg Ringsgwandl schreibt neben Michael, Stofferl und vielen Kennern im jetzt erscheinenden Buch „Biermösl Blosn.

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Tokio – Kapstadt – Hausen. Christoph & Michael Well“ (Kein & Aber, 288 Seiten; 19,90 Euro) über einen gemeinsamen Auftritt.

Hier leicht gekürzt:

Im Frühsommer 1995 hatte uns ein findiger Veranstalter nach Oberfranken gelockt. Als wir in Seßlach eintrafen, zeigte sich der Ort tatsächlich als eine weitgehend intakte mittelalterliche Stadt. Auf dem Marktplatz war eine überdachte Bühne aufgebaut worden, und im Laufe des Nachmittags füllte sich der Platz mit Schaulustigen. Als der Biermösl-Polt-Auftritt näherrückte, drängten sich die Leute so dicht auf dem Marktplatz, dass man meinen konnte, hier werden gleich Goldbarren in die Menge geworfen. Damals schlich ich mich weit nach hinten und stellte mich unter die Zuschauer. Es hatte leicht zu regnen begonnen, das schien aber niemand zu stören. Die Biermösl sangen ihre Lieder ungerührt im Lechrainer Dialekt, wurden aber, dem Applaus nach zu urteilen, ohne Weiteres verstanden. Als Gerhard Polt sprach, konnte man etwas beobachten, was nur sehr selten geschieht: Das allgemeine Gebrabbel wurde von Minute zu Minute leiser, bis die knapp zweitausend Menschen schließlich gebannt seiner Geschichte lauschten. Selbst in den Seitenstraßen, wo man nichts mehr von ihm sehen konnte, spitzten sie andächtig die Ohren. Hinterher gehen wir noch alle in die Wirtschaft, hatte der Micherl angekündigt, die haben ein Wahnsinnsbier, weißt, so dunkelbraun, total natürlich, also noch richtig ehrlich.

Während sich die Zuschauer nach der Vorstellung allmählich verliefen, migrierten die Künstler in die Gaststube zum selbstgebrauten Bier. Aufgekratzte Stimmung, Scherze und Frozzeleien, Bratwürste, Sauerkraut. Das Bühnenadrenalin wich allmählich aus den Gehirnen und machte den beruhigenden Substanzen aus dem Selbstgebrauten Platz. Irgendwann nach Mitternacht löste sich die Versammlung auf. Zum Abschied bekam allerdings noch jeder ein Geschenk mit: eine Zweiliterflasche ehrliches, dunkles Bier.

Nun galt es, die Unterkünfte zu finden. Am einfachsten hatte es „der Gerhard“, wie er auf Biermösl damals schon hieß. Er wurde von einem Gast zu seinem Schlafplatz geführt. Die drei Brüder verstreuten sich in verschiedene Richtungen, jeder mit einem mehr oder minder klaren Plan, seine Herberge zu finden. Ein paar Minuten versuchte ich noch, einen Gemeinschaftstransport zu organisieren, aber, Eigenart der Brüder oder Schwächung des Gehirns durch das Selbstgebraute, es gelang mir nicht.

Auf der Suche nach unserem Auto trafen wir den im Dunkeln herumirrenden Hansi, der nach Leuten suchte, die wussten, wo er über Nacht bleiben sollte. Mit Hilfe eines gerade noch fahrfähigen Musikers und eines blass fotokopierten Stadtplans schafften wir es, dem Labyrinth mittelalterlicher Gassen zu entkommen und gelangten nach etlichen Umrundungen des Städtchens tatsächlich zur Pension „Isabella“, einem rachitischen Zweifamilienhaus, das verzweifelte Flüchtlinge kurz nach 1945 in die Krautgärten vor der Stadt gebaut hatten. Wir warteten in der Vorortstille vor der kargen Absteige auf Stoff- und Micherl. Sie hatten ja noch keine Schlüssel. Nach einer vergeblichen Viertelstunde sperrten wir müde und fertig die riffelglasverzierte Eingangstür auf und bezogen unser Quartier. Sperrholzmöbel, Waschbecken im Zimmer und Etagendusche auf dem Flur. Dabei hatten wir noch Glück. Es war die einzige Nacht mit ein paar freien Zimmern zwischen dem Eintreffen der ukrainischen Erntehelfer und der Abreise eines Busses mit Rentnern auf Kaffeefahrt.

Ich wollte mich schon auf die durchgelegene Matratze werfen, hatte aber etwas im Auto vergessen. Gerade in dem Augenblick, als ich vors Haus trat, fuhr der Stofferl mit seinem Space Waggon langsam suchend die Straße entlang. Andere Leute wären hell erfreut gewesen über so einen Zufall. Für den Stofferl dagegen ist so etwas selbstverständlich, Ausdruck seines intakten Karmas. Wer mit achtzehn Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern wird, findet auch seine Pension in Seßlach. Wir suchten am Schlüsselbrett der verwaisten Rezeption ein akzeptables Zimmer für ihn aus und sagten uns Gute Nacht.

Wie der Micherl in die Pension gelangt war, ließ sich nicht mehr feststellen. Er saß jedenfalls am nächsten Morgen mit beim Frühstück, wie auch der Gerhard und der Hansi, und so brachten wir in der geschmackvollen Sechzigerjahreatmo mit Kaffee und amorphen Semmeln unsere Gehirne wieder in Gang.

Wochen später tranken meine Frau und ich daheim in Garmisch das selbstgebraute Bier aus der Zweiliterschnappverschlussflasche. Noch in der gleichen Nacht barst mein Schädel vor entsetzlichen Kopfschmerzen. Die Ärzte auf der Intensivstation diagnostizierten eine schwere Hirnschädigung, laut Analyse des Toxikologischen Instituts der Universität München bedingt durch Getränkerückstände, die man sonst nur bei Bieren aus afrikanischen Bürgerkriegszonen findet. Auch wenn ich seitdem meine Zweifel habe am ehrlichen Dunkel, die glücklichen Fügungen jener Nacht in Oberfranken hingen vermutlich doch mit dem Selbstgebrauten zusammen.

Mittlerweile hat sich die Biermösl Blosn aufgelöst. Schade. Ich glaube aber immer noch, dass sie irgendwann wieder zusammen auftreten. Vielleicht muss man die Brüder nur dazu bringen, in Seßlach wieder mal ein paar Flaschen grundehrliches, selbstgebrautes Dunkel zu trinken.

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