MAX WAGNER, NEUER CHEF DES GASTEIG, ÜBER IDEEN ZUM BAU UND DIE CHANCE, DEN WERKSVIERTEL-SAAL ZUSÄTZLICH ZU BETREUEN

Auf dem Weg zum Generalintendanten?

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Ein Restaurant auf dem Dach, ein attraktiverer Eingangsbereich mit vergrößerter Glashalle, ein umgestalteter Carl-Orff-Saal, eine Philharmonie, die von Akustiker Yasuhisa Toyota ertüchtigt wird: So stellt sich Max Wagner den neuen Gasteig vor.

Am 1. März tritt er sein Amt als Geschäftsführer des Kulturzentrums an. Der 47-Jährige war zuvor geschäftsführender Direktor des Gärtnerplatztheaters und arbeitet seit einem Jahr als Stellvertreter im Gasteig. Seine Pläne haben der Debatte um den oft geschmähten „Kulturbunker“ einen enormen Schub beschert. Doch Wagner geht weiter: Er kann sich eine gemeinsame Leitung von Gasteig und neuem Konzertsaal vorstellen und favorisiert den Kongresssaal des Deutschen Museums als Ausweichquartier.

-Viele Details Ihrer Umbauvorschläge sind mittlerweile bekannt. Gegenwind gegen die von Ihnen favorisierte Variante spürt man nicht. Läuft also alles nach Plan?

So leicht, wie Sie sich das vorstellen, ist es nicht. Wobei ich einräume: Wir sind an einem Punkt, den sich viele jahrelang gewünscht haben. Dass nun aber alles einfach durchgewunken wird vom Stadtrat, sehe ich nicht.

-Sie machen aber keinen sonderlich frustrierten Eindruck.

Ich bin generell ein optimistischer und positiver Mensch. Das habe ich vor allem von meinen Eltern gelernt. Ich freue mich sogar auf die Stadtratssitzung am 5. April. Danach kann’s hoffentlich losgehen.

-Abgesehen davon, dass Verschiedenes im Gasteig aus Sicherheitsgründen saniert werden muss: Ist die Zeit erst jetzt reif für ein umfassendes, groß gedachtes Vorhaben?

Es hängt unter anderem mit einem Generationswechsel auf vielen Entscheidungspositionen zusammen. Dadurch ändert sich der Blick auf die Dinge. Wir haben in unserer Generation vielleicht eine andere Art, miteinander umzugehen. Bitte nicht falsch verstehen: Hier sind tolle Dinge geschehen und angeschoben worden. Aber das Wie verändert sich gerade. Die Generalsanierung ist für mich ein Baustein auf dem Weg zu einem anderen Gasteig. Es gibt aber viel wichtigere Bausteine. Wir müssen den Gasteig auch mit Inhalt füllen, mit einem Geist, der unserer Zeit entspricht. Viele vor mir haben das probiert, vielleicht werde ich glorreich scheitern. Aber ich will’s wenigstens versucht haben.

-Worin liegt das Hauptproblem des Gasteig?

Wir sind nicht selbstbewusst genug. Dabei sind wir ein weltweit einzigartiges Kulturzentrum, das größte Europas, eine Einrichtung der Superlative. Bis zu 10 000 Menschen kommen täglich hierher, es gibt 1700 Veranstaltungen jährlich. Der Gasteig funktioniert hervorragend. Und trotzdem fehlt die Identifikation, auch die Emotion. Kaum einer sagt öffentlich: „Das ist mein Gasteig.“

-Und woher kommt das?

Meine Diagnose ist: Es geht nur zusammen. Bibliothek, Volkshochschule, Musikhochschule, Philharmoniker – wir müssen gemeinsam überlegen, wofür wir stehen? Und da reicht es nicht, wenn ich eine neue Imagebroschüre publiziere. Die Vielfalt macht uns ja aus. Es gab schon einige Treffen, in denen Visionen und Inhalte formuliert wurden. Da spürte ich eine enorme Energie. Auch bei meinen Mitarbeitern. Ich habe mit allen 140 Beschäftigten geredet und festgestellt, dass sie alle stolz auf den Gasteig sind. Eine solche Identifikation habe ich noch nie erlebt. Und es gibt hier eine Kompetenz, die mich stark beeindruckt – und für die Brigitte von Welser verantwortlich ist. Sie hat diese Menschen ja ausgesucht. Mir gibt dies das Gefühl: Wir schaffen alles. Diese Identifikation dringt allerdings nicht nach außen. Es gibt eine merkwürdige Barriere. Nehmen Sie die Debatte ums Deutsche Theater. Was gab es da für Leserbriefe mit dem Tenor „Das Deutsche Theater darf nicht sterben“! Kennen Sie einen solchen Leserbrief zum Gasteig?

-Der Orchestervorstand der Münchner Philharmoniker wirbt für den Kongresssaal des Deutschen Museums als Ausweichspielstätte. Kulturreferent Hans-Georg Küppers meint, die Variante tendiere „gegen null“. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass die Lösung Kongresssaal machbar wäre. Sie wäre sogar ideal. Es handelt sich um ein zentrales Areal mit einer großen künstlerischen Tradition. Und es wäre ein Gewinn für alle Seiten. Das Forum der Technik würde von uns als Interimsspielstätte ertüchtigt – und das quasi als Geschenk. Nach etwa fünf Jahren wären wir wieder  weg, danach kann das Museum den renovierten Raum für eigene Dinge nützen.

-Sehen Sie sich in einer Konkurrenz  zum geplanten Konzertsaal im Werksviertel, was die Attraktivität betrifft?

Mir ist es erst einmal wichtig, mit den Verantwortlichen dort ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Es gibt schon einen offenen, regelmäßigen Austausch. Allerdings sind wir nicht nur die Philharmonie, der Gasteig ist ja mehr. Deshalb sehe ich da keine Konkurrenz.

-Wäre nicht eine gemeinsame Leitung möglich? In Hamburg gibt es Ähnliches bei Elbphilharmonie und Laeiszhalle.

Ja, natürlich. Wir vom Gasteig würden das gern machen. Wir haben das Know-how dafür. Was ich nicht verstehe, ist dieses Denken, das Freistaat und Stadt trennt. Ob ein Theater städtisch oder staatlich ist, interessiert doch nur die Träger. So denkt niemand in der Kunst oder im Publikum. Als ich noch am Staatstheater am Gärtnerplatz war, gab es dort, gefördert von Intendant Josef Köpplinger, Kooperationen mit kommunalen Institutionen. Es geht um die Sache, nicht um Verwaltungsstrukturen. Überhaupt müssen wir uns in der Stadt mit anderen Institutionen in einer Form vernetzen, die noch nie da war.

-Wenn es um die Führung des neuen Konzertsaals geht, spricht Kunstminister Ludwig Spaenle von einer „Mischform“ – gerade weil kein Intendant installiert werden soll.

Es gibt keine Mischformen. Es gibt nur: Intendant oder kein Intendant. Und jede sogenannte Mischform hat auch eine Intendanz, denken Sie nur an Hamburg. Der Intendant koordiniert dort Eigenveranstaltungen und Saalmieter. Ich verstehe sehr gut, dass es in München in Sachen Intendantenlösung Befürchtungen seitens der privaten Veranstalter gibt. Wir haben eine ungewöhnlich starke und rege Szene, die möchte nicht unbedingt eine öffentlich subventionierte Konkurrenz.

-450 Millionen Euro soll die von Ihnen favorisierte Umbauvariante kosten. Haben Sie Angst vor einer Antistimmung in der Bevölkerung?

Ich bin generell kein ängstlicher Mensch. Ich war Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters, als dort die Diskussion um „Stuttgart 21“ losging. Ich habe miterlebt, wie Leute sich an Bäume ketteten, wie die Stadt gespalten wurde. „Die Menschen mitnehmen“ mag eine modische Redewendung sein, aber genau das wurde versäumt. Das hat mich auch beim Gärtnerplatztheater gestört, dass ich dort aus Sicherheitsüberlegungen und vielen anderen Dingen keine Baustellenführungen machen durfte. Mir war immer klar: Für die Akzeptanz in der Bevölkerung, für den Rückhalt sind solche Maßnahmen immens wichtig. Bei der Berliner Staatsoper wurde das erst relativ spät eingeführt, bei der Elbphilharmonie war das noch schlimmer. Wenn der Stadtrat am 5. April die Generalsanierung des Gasteig beschließt, will ich loslegen mit Kommunikation, Offenheit und Transparenz. Erfolge, Misserfolge, alles darf und muss zur Sprache kommen.

-Umbau Gärtnerplatz, Sanierung Gasteig: Sind Sie eigentlich ein Mann, der solche Dinge sucht?

Ich habe nie nach etwas gesucht. Mein Mann und meine Freunde erklären mich schon für verrückt. Mir macht es eben Spaß zu gestalten. Und das will ich auch den Mitarbeitern ermöglichen: dass sie in ihrem Bereich kreativ sein können. Wir sind ja keine Behörde.

-Fehlt Ihnen jetzt manchmal die künstlerische Entfaltungsmöglichkeit?

Das war genau die einzige Frage, die ich mir gestellt habe, bevor ich im Gasteig angefangen habe. Und dann wurde mir bewusst: Die Kreativität liegt doch auch in allen Prozessen und individuellen Entscheidungen. Ich kann hier so viel gestalten wie noch nie zuvor in meinem Berufsleben – selbst verglichen mit der Zeit, als ich noch als Sänger auf der Bühne stand.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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