DAS ORCHESTER DES STAATSTHEATERS AM GÄRTNERPLATZ BEENDET SEINE SPANIEN-TOURNEE

Gelebte Einheit

Geschafft: Ersatzdirigent Michael Guttman am Pult des Münchner Gärtnerplatzorchesters. Foto: Kilian Sterff
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Geschafft: Ersatzdirigent Michael Guttman am Pult des Münchner Gärtnerplatzorchesters. Foto: Kilian Sterff

von maximilian maier. Beim letzten Konzert des Gärtnerplatzorchesters in Bilbao gibt es einen echten Schockmoment: Mitten im zweiten Satz des Klavierkonzerts von Robert Schumann zerreißt ein brutales Geräusch die lyrische Musik, das klingt wie Maschinengewehrsalven.

Die Gedanken überschlagen sich. Wir sind ja im Baskenland, auch wenn die ETA den Waffen offiziell abgeschworen hat. Befinden wir uns in einer ähnlichen Horrorsituation wie das Publikum im Bataclan, das 2015 Opfer eines Terroranschlags wurde? Auf der Bühne fackelt Solist Ivo Pogorelich nicht lange, packt seine Noten und geht. Die Münchner Musiker und Dirigent Michael Guttman folgen. Das Publikum bleibt sehr ruhig und nach kurzer Zeit wird deutlich, es handelt sich um ein technisches Problem, ein Lautsprecher spielt verrückt.

Als klar ist, dass es kein Sicherheitsproblem gibt und das störende Geräusch abgestellt wird, kehrt Pogorelich – zum großen Erstaunen aller – zum Flügel zurück und setzt das Konzert fort. Mehr noch: Er ringt sich zum ersten Mal auf der Tournee ein Lächeln ab, wirkt freundlich. Als wäre er dankbar, dem Publikum zeigen zu können, dass er doch gerne für die Zuhörer spielt.

Das Störgeräusch war nur eine Klippe, die auf dieser Tour zu meistern war. Allein das Programm stellte für das Orchester eine Herausforderung dar: sechs Konzerte in neun Tagen und sechs Städten, insgesamt rund 2000 zurückgelegte Kilometer, Musizieren nach teilweise mehr als sechs Stunden Busfahrt. Dazu ein komplizierter Solist, der sich wenig auf andere einlässt und nicht einzuschätzen ist. Und ein Dirigent, der sichtbar überfordert war mit Orchesterapparat und -werken der Größenordnung von den gespielten Symphonien Nr. 3 von Mendelssohn und Nr. 1 von Brahms. Eigentlich hätte Chefdirigent Marco Comin, der zum Ende der Spielzeit das Staatstheater am Gärtnerplatz verlassen wird, die Reise begleiten sollen. Er sagte aber ab, dem Vernehmen nach, da er zur gleichen Zeit Vordirigate hatte. Die spanische Agentur Goldberg, die die Reise organisierte, empfahl einen Ersatz: Michael Guttman, 1957 in Brüssel geboren, hauptberuflich Geiger und Kammermusikpartner etwa von Martha Argerich. Die romantischen, komplexen Werke brachten ihn nervlich, schlagtechnisch und koordinatorisch an seine Grenzen. Dadurch verlangte er dem Orchester alles ab. Guttman ging dankbar auf Ratschläge der Musiker ein. Sehr freundlich suchte er den Kontakt und lud das Orchester in Tudela und Bilbao zum Essen ein. Seine Freude, einem solchen Klangkörper vorstehen zu dürfen, war überdeutlich. Nach jedem Konzert strahlte Guttman und hätte am liebsten jedem Einzelnen die Hand gegeben.

Das Orchester bewältigte die vielfältigen Mammutaufgaben der Tour fantastisch und – das ist das Entscheidende – überzeugte musikalisch vollauf. Im ungewohnten Repertoire zeigten die Musiker durch Homogenität, Klangkultur und nicht zuletzt tolle Orchestersolisten, welche symphonische Qualität in ihnen steckt.

Es ist ihnen herzlich zu wünschen, dass die Strukturen und die musikalische Leitung auch nach dem Umzug ins Stammhaus dieses Potenzial ausschöpfen und weiterentwickeln. Die Mentalität stimmt, die Stimmung auch. Bezeichnend dafür war, dass einige Musiker extra nach Bilbao reisten, um die Kollegen spielen zu hören. Einheit und Zusammenhalt – musikalisch wie menschlich – überstrahlten die Reise. Und kommende Woche geht es schon auf die nächste Tournee, allerdings in Kammerorchester-Besetzung, und zwar nach China.

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