BOTHO STRAUß’ NEUES APHORISMUS- UND ESSAYBUCH BELEGT, DASS ER LIEBER STÜCKE SCHREIBEN SOLLTE

Geistige Gutsherrenart

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Botho Strauß bietet in „Der Fortführer“ zu wenig Selbstironie und zu viel hochnäsige Belehrung. Foto: Ruth Walz/ Rowohlt

VON SABINE DULTZ „Zwischen Jetzt und Nu“, von Eins bis 14 – das sind die ersten zwei Drittel des aktuellen Buchs von Botho Strauß.

Das letzte Drittel ist überschrieben mit „Der Fortführer“, was als Buchtitel fungiert, und ist ein kulturkritischer Essay. Betrachten wir zuerst die kreuzwegartigen 14  Abschnitte: Aphorismen, Gedankensplitter, Philosophisches, Selbstbezichtigendes, Poetisches, Historisches; Ironisches, Sprachakrobatisches, Metaphysisches. Viel Eitles und Überhebliches, mitunter Szenisches und immer auch Abschiednehmendes. Der, dem das Leben in der Rückbetrachtung wie in einem Augenblick vergangen zu sein scheint, hat sich aufgemacht, noch einmal seiner Liebe, dem „vielsagenden Deutsch“, zu frönen. Unter diesem Aspekt hat er wohl seinen Zettelkasten durchstöbert und ihn wie ein Füllhorn ausgeschüttet über etwa 150 kostbare Rowohlt-Seiten.

Die liest man mit Mühe, oft, ja, mit Vergnügen, vor allem dann, wenn sie erkennbar für Strauß-Stücke geeignet scheinen. Aber der Meister schreibt keine Dramen mehr, was ein Jammer ist. Denn die Verrenkungen und Aberwitzigkeiten seiner Sprache wären dort einer Figur zuzuschreiben und erhielten dadurch eine andere Bedeutung. So sind sie nur dem Autor selbst, dem Rückwärtsgewandten, zu eigen. Und da geht einem sein Kokettieren mit dem Alter (73) und dem Lebensende auf die Nerven. Ebenso seine kultivierte Sehnsucht nach dem Alten, Schönen, Unwiederbringlichen, nach dem, was unserer Generation nur aus Kunst und Geschichte, nicht aus eigener Erfahrung als Deutsch bekannt ist. Was liebt Strauß, der 1944 in Naumburg an der Saale Geborene, denn so an Deutschland? „Nie werden wir’s fassen können, das wilde Land, in dem wir einst waren, von dem nur der Schmerz noch weiß. Indem er aufbegehrt, erfahren wir allein durch ihn von der frühen Zeit – von einem jedes Jetzt durchbohrenden Einst.“ „Statt zeitgenössisch zu sein“, ist er selbst oft nur „seinerzeitgenössisch“ und das alles nicht ohne national-pathetischen Hautgout.

Worauf bei Strauß immer Verlass ist, das ist zum einen seine noble Verehrung der Frauen, die auch in dieser Sammlung von Erkenntnissen und Bekenntnissen zum Ausdruck kommt; wenngleich mit gepflegter Wehmut über die verlorene Zeit, „als die Lust noch geistreich war“. Zum anderen ist es bei aller Bildungsüberheblichkeit seine Selbstironie: „Ich habe nie mitten im Leben gestanden. Wo mag das sein?“ Jedenfalls nicht dort, wohin es den Kriegsflüchtling aus Syrien in der deutsch-zynischen Gutmenschengesellschaft verschlägt – auf den Golfplatz. Makabres Einsprengsel, an dem der genuine Stückeschreiber zu erkennen ist, der hier mit nur zwei, drei feinen Strichen eine theater-realistische Szene unserer Gesellschaft entwirft.

Ist die Aphorismen- und Sinnspruchsammlung auch ein fragwürdiges, ambivalentes Gemisch aus dichterischer Klugheit und geistiger Gutsherrenart, so besteht der Essay „Der Fortführer“ aus hochnäsiger Belehrung. Es ist albern, auf gestelzte Weise das erfundene und gar nicht schöne Substantiv „Fortführer“ in seiner simplen Doppeldeutigkeit dem Leser erklären und damit dem Ansehen der Sprache, „dem großen herrlichen Deutsch“, Geltung verschaffen zu wollen. Dafür ist Botho Strauß in seiner Rückwärtsgewandtheit nun wohl nicht mehr der Geeignetste.

Viel intellektuelle Elite von der Antike bis zur Jetztzeit wird zitatmäßig bemüht. Darunter einer, der für sich selbst den Schritt nach vorn angetreten hatte: Emil Cioran (1911-1995), rumänischer Schriftsteller, Philosoph, Faschist, Antisemit, Franzose, der rechtzeitig noch die politische Kurve gekriegt hat. „Grabt in der Vergangenheit eines Schriftstellers“, schrieb er dereinst, „vor allem eines Dichters, prüft genau die Komponenten seiner geistigen Biographie, und ihr werdet stets irgendwelche reaktionären Prämissen finden…“ Strauß weiß um die Vorwürfe gegen seine Person. Am Ende des Resümees seines Lebens bekennt er: „Mein Weg war der der konsternierten Nachfrage… Wie denn? Wie ist’s nur möglich? Welch anderes System aber hätte es mir erlaubt, fast mein ganzes Leben systemwidrig zu verbringen?“

Dass es so war, ist bedauerlich. Denn so was kommt von so was. Nicht Widrigkeit, sondern Widerspruch wäre die produktivere Haltung. Kurzum, das ist ein Buch, das niemand von Botho Strauß gebraucht hätte. Die Zeit verrinnt? „Nu! Mach was“ (wie es im Jüdischen heißt).

Botho Strauß:

„Der Fortführer“. Rowohlt Verlag, Reinbek, 203 Seiten; 20 Euro.

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