WIE WIRD AUS DEM BUCH „BRÜDER“ EIN PACKENDES HÖRSPIEL? REGISSEUR WALTER ADLER ERKLÄRT DEN SPANNENDEN PROZESS

So geht’s ins Ohr

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Von katja Kraft. Es ist ein Hämmern und Bohren in Paris.

Die Stadt, sie wächst. Doch dann – Stille. Der Bauboom endet abrupt. „Bis 1789, bis zum Sturm auf die Bastille, wurde unheimlich viel gebaut in Paris. Mit Beginn der Revolution hörte das schlagartig auf“, erzählt Walter Adler. Er muss es wissen. Nicht, weil er Historiker ist. Ein Forscher aber schon. Walter Adler forscht nach den richtigen Tönen. Als einer der profiliertesten Hörspiel-Regisseure in Deutschland. Doch wir reden hier nicht von netten Kurzgeschichtchen, die er vertont. Adler liebt die großen Brocken. Sein neuester ist gerade erschienen. „Brüder“, einen 1100 Seiten starken Historienroman von Hilary Mantel. Adler macht daraus 13 Stunden Hörvergnügen.

Wie?

„Das A und O ist die Recherche“, sagt er, der gerade einen Urlaub in der Abgeschiedenheit der Bretagne genießt. Der Mann, der im Beruf ständig von Geräuschen umgeben ist, liebt in den Ferien die Stille. Recherche heißt für ihn: alle erdenklichen Informationen über die Zeit zu lesen, in der sein aktuelles Projekt spielt. Im Falle von „Brüder“ ist das die Phase von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Französischen Revolution. Die spielte sich zwar im gesamten Land ab, weil Mantel ihren Roman aber über die drei Pariser Revolutionsführer Georges Jacques Danton, Maximilien Robespierre und Camille Desmoulins erzählt, konzentriert sich alles auf die Hauptstadt. Und wie, bitte sehr, klingt die 1789? „Tja, das herauszufinden, ist die große Aufgabe“, sagt der Regisseur.

Er ist Perfektionist, strebt bei all seinen Arbeiten filmischen Realismus an. Heißt: Wer die Augen schließt, sieht die Bilder vor sich. Die Kutschen, die durch die Stadt holpern (waren die Straßen gepflastert, waren sie verschlammt?), die Tiere, die auf dem Marktplatz schnattern, grunzen, blöken. Das Abwasser, den Unrat, die Fäkalien, die aus den Fenstern geschüttet werden – bei jedem Plitsch und Platsch kann man ihn ein bisschen mehr nachempfinden, den irrsinnigen Gestank, der damals geherrscht hat.

„Das ist der Vorteil von Hörspielen – Sie können mit wenigen Tönen beschreiben, wofür Sie im Roman viele Wörter bräuchten“, erklärt Adler. Wenn es also auf dem CD-Cover „gekürzte Lesung“ heißt, bezieht sich das vor allem auf die vielen Verben, die gestrichen werden. „Wenn eine Figur laut ist, wenn sie leise ist, wenn sie zärtlich ist, wenn sie traurig ist, können die Schauspieler das mit ihren Stimmen ausdrücken. Jede Formulierung à la ,sie weinte‘, ,sie lachte‘, ,sie sagte‘ fällt schon einmal weg.“

Nach der Recherche folgt für ihn deshalb immer das „Eindampfen“. Aus einem 1100-Seiten-Buch wird ein 600-Seiten-Manuskript. Ein bisschen wie beim Sauce-Einkochen. Und Adler ist der Maître de Cuisine. Er entscheidet, welche Zutaten es braucht und was unnötige Geschmacksverstärker sind. Wie trifft er die Auswahl – damit es bei aller Kürzung noch immer Mantels Geschichte bleibt? „Das ist so eine Mischung aus Können, Wissen, Haltung – immer getrieben von der Frage: Was will ich überhaupt erzählen?“ Bei „Brüder“ ist seine Haltung klar. „Die Französische Revolution, das ist eines der bedeutendsten, wenn nicht das bedeutendste Ereignis der europäischen Geschichte. Durch sie wurde die Demokratie, die bürgerliche Gesellschaft erfunden. Wurden Parteien erfunden, wurden Mitte, Rechts, Links erfunden. Und das alles parallel zu diesem Grauen, was vor sich ging“, betont der 70-Jährige. Neulich bei der „Tagesschau“ dachte er: „Genauso wie in Chemnitz hat die Französische Revolution angefangen. Ein von Agitatoren aufgehetzter Mob rast durch Paris und hängt Leute an die Laternen“, sagt er. Und zitiert dann aus einem Vorwort zum Dickens-Roman „Eine Geschichte aus zwei Städten“, der auch zur Zeit der Revolution spielt. Da heißt es: „Wenn die geduldigen unterdrückten Volksmassen nirgends Recht finden können, weil die herrschende Klasse im bösesten Egoismus ihnen keinen Raum zum Atmen lässt, dann wiederholt sich im Wandel der Jahrhunderte immer wieder das Phänomen der gewaltsamen Umwälzung und Befreiung (...) Die Sünde der Reichen wird heimgesucht an deren unschuldigen Kindern, und aus eben jener Sünde der Reichen erwächst die Sünde der Armen in Formen furchtbarer Rache.“ Pause. „Das ist der Grund, warum wir das machen. Ich habe einen Stoff gesucht, der genau das erzählt. Weil es immer nachdrücklicher ist, wenn man, um die Gegenwart zu beschreiben, einen historischen Stoff verwendet. Wie war es damals? Was ist heute anders? Die Französische Revolution ist quasi das Urereignis, dem alle hinterhergehen.“ Und deshalb heute vielleicht relevanter denn je.

„Brüder“

strahlt WDR 3 bis 12. Oktober in je 30-minütige Episoden unterteilt um 19.04 Uhr aus. Wer alles auf einmal hören will, kann sich das gesamte Hörspiel unter www.hoerspiel.wdr.de herunterladen.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare