DAS MUSEUM ÄGYPTISCHER KUNST ZEIGT DIE „ROLLENBIBLIOTHEK“ VON ZYGMUNT BLAZEJEWSKI

Das geheime Bild

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Eine Bibliothek gerollter Gemäldeleinwände (re.) schuf Zygmunt Blazejewski. Die Bilder kann der Besucher nur per Computer und Beamer (li.) anschauen. Foto: SMÄK/ Marianne Franke

Von Alexander Altmann. Normalerweise malen Künstler Bilder, um sie an die Wand zu hängen.

Bei Zygmunt Blazejewski aber ist das anders. Er hat 210 exakt gleich große Gemälde geschaffen, nur um sie nach dem Trocknen zusammenzurollen und dann feinsäuberlich in ein offenes Regal einzuordnen. Ist dieser Maler womöglich total von der Rolle? Wer das glaubte, wäre eindeutig falsch gewickelt. Wie spannend nämlich das Konzept des 1953 in München geborenen Künstlers ist, davon kann man sich jetzt am passendsten Ort überhaupt ein Bild machen: im Ägyptischen Museum München, das seine Besucher quasi zu Rollenspielen der etwas anderen Art einlädt, wenn es Blazejewskis Installation „Rollenbibliothek Anima Mundi“ (zu Deutsch: „Seele der Welt“) präsentiert.

In einer schlichten Holzstellage mit den gigantischen Ausmaßen von elf Metern Breite und sieben Metern Höhe lagern da die gerollten Bilder. Auf den ersten Blick ist das eine erfrischende Farberuption angesichts all der erdigen Braun- und Grautöne, die im Ägyptischen Museum sonst dominieren. Aber natürlich denkt man in dieser Umgebung sofort auch an die Bildrollen der alten Ägypter, an die Schriftrollen, die bei Griechen und Römern die übliche Form des „Datenträgers“ waren, weil das gebundene Buch, der sogenannte Codex, noch der Erfindung harrte. Und vor allem denkt man an die legendäre Bibliothek von Alexandria, die mit ihren unzähligen Manuskriptrollen den größten Wissensspeicher der Antike darstellte.

Der nähere Blick auf die kleinen sichtbaren Segmente von Blazejewskis Gemälden macht sofort klar, dass wir es hier mit großartiger Kunst von heute zu tun haben. Mit Beispielen der „heftigen Malerei“, die durch ihren expressiven Gestus faszinieren, durch ihr strahlendes Kolorit und eine saftige Peinture mit mal lasierendem, mal pastosem Farbauftrag. Gerade weil diese Rollbilder wunderbar süffige, betont malerische Kunst sind, sähe man sie gerne ausgerollt im Original vor sich. Ja es schmerzt buchstäblich, dass man stattdessen nur an zwei riesigen Schaltpulten hantieren darf, auf denen der Betrachter kleine digitale Abbildungen jeder einzelnen Rolle antippen kann. Daraufhin erscheint sie dann im ausgerollten Zustand als Foto auf einem Bildschirm oder per Beamer an die Wand projiziert.

Denn so fortgeschritten die „technische Reproduzierbarkeit“ heute auch sein mag, zum wirklichen Erlebnis von Malerei gehört immer deren im Wortsinn leibhaftige Präsenz, die Erfahrung des Materials, der ganz analogen Stofflichkeit. Das macht Zygmunt Blazejewskis Installation gerade im Gemisch aus Andeutung und Verweigerung solcher Erfahrungen eindringlich bewusst, und insofern ist sie tatsächlich ein lebendiger Wissensspeicher. Aber außerdem eine Reflexion zum viel diskutierten Thema Malerei im digitalen Zeitalter. Einmal mehr wird dabei der Irrglaube der momentan boomenden Bildwissenschaft korrigiert, Gemälde seien auch bloß Bilder, bei denen es nur ums Sujet und die Botschaft geht. Dabei spielt dergleichen bei echter Malerei doch gar keine Rolle.

Bis 23. September

Di. 10-20, Mi.-So. 10-18 Uhr, Ostermontag geöffnet; Gabelsbergerstraße 35.

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