HANNES JAENICKE KÄMPFT IN EINER NEUEN HISTORY-CHANNEL-SENDUNG UM DEN ERHALT BEDEUTENDER KULTURSTÄTTEN

Gegen kulturellen Genozid

Als „Hüter der Geschichte“ fühlt sich der Schauspieler Hannes Jaenicke. Er hat Jordanien besucht, um die Zerstörung kultureller Schätze zu dokumentieren.
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Als „Hüter der Geschichte“ fühlt sich der Schauspieler Hannes Jaenicke. Er hat Jordanien besucht, um die Zerstörung kultureller Schätze zu dokumentieren.

Von Rudolf Ogiermann. Zelte und Container bis zum Horizont, 80 000 Männer, Frauen, Kinder, deren Hoffnung, in absehbarer Zeit in ihre Heimat in Syrien oder im Irak zurückzukehren, immer kleiner wird.

Warum die Verantwortlichen des Bezahlsenders History bei diesem Pressetermin in München Bilder vom Flüchtlingscamp Zaatari in Jordanien zeigen, wird erst auf den zweiten Blick klar. Hier entstanden vor wenigen Tagen die ersten Drehs für eine Dokumentarreihe, die sich jedoch nicht in erster Linie mit dem Alltag im Camp beschäftigt, sondern etwas anderes zum Ziel hat – aufmerksam zu machen auf die Zerstörung nicht nur der Häuser, Straßen, Schulen in den Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens, sondern vor allem auf die Vernichtung des kulturellen Erbes in der Region. „Guardians of Heritage – Die Hüter der Geschichte“ lautet der Arbeitstitel der dreiteiligen Produktion, die im November zu sehen sein soll und als deren wichtigstes Gesicht der Sender den Schauspieler und Aktivisten Hannes Jaenicke gewinnen konnte.

Die Angriffe des sogenannten Islamischen Staates auf die Kulturstätten von Palmyra und Ninive seien „ein barbarischer Akt mit dem Ziel, Identität auszulöschen“, erläutert Produzent Emanuel Rotstein. „Kultureller Genozid“ gehe dem Völkermord oft nur voraus. Beispiele dafür gebe es viele in der Geschichte, er erinnere nur an die Bücherverbrennung der Nazis im Jahr 1933. „Dieses Muster erleben wir bis heute, unter anderem in Sarajevo nach dem Bosnienkrieg in den Neunzigerjahren.“

Jaenicke, der nicht nur durch Filme wie „Abwärts“ oder „Helden – Wenn dein Land dich braucht“ bekannt wurde, sondern auch durch seine ZDF- Reihe „Im Einsatz für...“, verweist auf die Situation im von China kontrollierten Tibet, wo „Zwangsumsiedlung und sprachliche Umerziehung“ letztlich die Auslöschung einer eigenständigen tibetischen Kultur zum Ziel hätten. „Warum sich um die Kultur kümmern, wenn das eigentliche Überleben wichtiger ist?“, bringt Produzent Rotstein mit Blick auf Zaatari den Widerspruch auf den Punkt. Und löst ihn sofort auf: „Das Vakuum im Lager ist spürbar, die Beschäftigung mit ihrer kulturellen Identität ist für die Menschen eine Perspektive.“

Deswegen bringen einheimische und ausländische Experten den Kindern im Lager spielerisch die Archäologie näher, indem sie sie Tongefäße herstellen, zertrümmern und wieder zusammensetzen lassen, „ein verblüffend einfaches Konzept“, wie Jaenicke findet. Nichts an antiken Bauwerken ist verloren, das nicht mit Leidenschaft und moderner Technik rekonstruiert werden könnte, und sei es, wie im Camp, erst einmal als Miniatur. „Den Dreh im Flüchtlingslager werden wir so schnell nicht vergessen“, lassen Rotstein und Jaenicke ihre Erschütterung spüren. Beeindruckt hat sie die weltweite Bereitschaft, den vom Krieg Entwurzelten zu helfen, aber auch die Willkommenskultur der Jordanier, die Millionen von Flüchtlingen aufgenommen haben. „Davon können sich die Europäer eine Scheibe abschneiden“, sagt Jaenicke.

Doch das Team will in den nächsten Wochen und Monaten nicht nur im Nahen Osten drehen, sondern auch zu den Vereinten Nationen nach New York und zur Unesco nach Paris reisen, geplant sind ferner unter anderem Besuche in Afghanistan und bei den Indianern vom Stamm der Quinault in den USA, die nicht vor Krieg, sondern aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen mussten. Neben Hannes Jaenicke treten weitere Prominente als „Paten“ auf, darunter die Schauspielerinnen Esther Schweins und Ulrike Folkerts sowie Katarina Witt.

Dass dieses Projekt auch einen dezidiert politischen Charakter hat, daran lassen der Filmproduzent und der Aktivist keinen Zweifel. Durch die in Auschwitz aufbewahrten Schuhe, Brillen und Koffer von Opfern des Holocaust lasse sich der Geschichtsvergessenheit ganz konkret entgegenwirken, sagt Rotstein. Und Jaenicke empört sich mit Blick auf die neuen Rechten: „Die Menschheit weigert sich, aus der Vergangenheit zu lernen. Das ist erschreckend.“ Um dem entgegenzuwirken, setzt History in „Guardians of Heritage“ auf die Macht der Bilder. Die Macher sind überzeugt: „Du kannst mit Filmen echt etwas bewegen.“

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