INTERVIEW ZUM FILM: FÜR CHARLIE HUNNAM IST „DIE VERSUNKENE STADT Z“ EINE LIEBESERKLÄRUNG AN SEINE FREUNDIN

Der Gefühlsschmied

Charlie Hunnam nahm für seine Rolle als Forscher Percy Fawcett 40 Pfund ab – und verzichtete während des viermonatigen Drehs auf jeglichen Kontakt zu Freunden und Familie. Foto: Aidan Monaghan/ Verleih
+
Charlie Hunnam nahm für seine Rolle als Forscher Percy Fawcett 40 Pfund ab – und verzichtete während des viermonatigen Drehs auf jeglichen Kontakt zu Freunden und Familie. Foto: Aidan Monaghan/ Verleih

Berühmt wurde er als Anführer einer Biker-Gang in der erfolgreichen TV-Serie „Sons of Anarchy“ und als Retter der Welt im Sci-Fi-Spektakel „Pacific Rim“.

Eigentlich hätte Charlie Hunnam die Hauptrolle in „Fifty Shades of Grey“ verkörpern sollen, doch der smarte Engländer lehnte ab. Stattdessen ist er ab 11. Mai als Titelheld in Guy Ritchies „King Arthur“-Neuverfilmung zu sehen – und ab diesen Donnerstag im Action-Abenteuer „Die versunkene Stadt Z“, in dem er den legendären Forscher Percy Fawcett spielt. Bei unserem Interview in Berlin entpuppt sich der 36-Jährige als äußerst unkonventioneller Gesprächspartner.

-Sind Sie selbst auch ein Abenteurer wie Fawcett?

Ich habe ja das Glück, dass ich in meinem Job so viele Abenteuer erleben darf. „Die versunkene Stadt Z“ haben wir zum Beispiel im kolumbianischen Urwald gedreht. Da gibt es alle möglichen Kreaturen, die es für eine gute Idee halten, dich zu töten und anzuknabbern. Einmal kroch ein giftiger Skorpion über meine Hand, einmal vergrub sich ein Insekt in mein Ohr, und einmal sah ich, wie eine grellpink schillernde Spinne am Rücken von Regisseur James Grey emporkrabbelte. Unser Schlangentrainer verscheuchte sie panisch und erklärte, dass James in 30 Sekunden verreckt wäre, wenn sie ihn gebissen hätte.

-Und wie abenteuerlustig sind Sie im Großstadtdschungel von L.A.?

Nachdem ich beruflich ständig unterwegs bin, lasse ich es gerne etwas ruhiger angehen, wenn ich ausnahmsweise zu Hause sein darf. Das heißt, jedoch nicht, dass ich ein Weichei wäre! Ich lebe zwar in L.A., bin aber im rauen englischen Arbeitermilieu aufgewachsen und habe offenbar einige Gene von meinem Vater geerbt. Der ist Schrotthändler – und ein knallharter Kerl.

-Hat er Ihnen auch die Leidenschaft für die Schauspielerei vermittelt?

Nein, die verdanke ich meiner Mutter. Als kleiner Junge war ich völlig besessen von John Boormans Abenteuerfilm „Excalibur“. Mit sechs fragte ich meine Mama, wie man denn für diesen Film Schauspieler gefunden hätte, die so gut reiten und fechten konnten. Sie meinte: „Ich glaube, sie haben einfach gute Schauspieler gesucht und denen dann beigebracht, wie man mit Pferden und Schwertern umgeht.“ Das klang für mich ungeheuer verlockend: dafür bezahlt zu werden, dass man so aufregende Dinge lernt.

-Haben  Sie  im Lauf Ihrer Karriere Schwertkampf- und Reitunterricht bekommen?

O ja, immer wieder, zuletzt für Guy Ritchies „King Arthur“. Ein sehr actionlastiger Film, für den ich wochenlang diverse Schwertkampfszenen drehen musste. Irgendwann hing mir die Klopperei wirklich zum Hals heraus. Ironischerweise ist das, was mich als Bub zur Schauspielerei trieb, heute das, was ich an meinem Job am allerwenigsten mag. Ich hasse Stunts! Für „Sons of Anarchy“ habe ich mehr als 150 verschiedene Kampfszenen gedreht – und dabei jedes Mal was auf die Fresse gekriegt.

-Genießen Sie es mehr, wenn Sie vor der Kamera Kolleginnen küssen dürfen?

Nein. Ich weiß, als Laie stellt man sich  das ganz toll vor, aber solche Liebesszenen empfinde ich stets als hochgradig seltsam. Mir sind sie regelrecht zuwider, zumal ich tierische Angst vor Keimen habe. Als ich acht Jahre alt war, grassierte bei uns in Nordengland ein Virus, der von Hunden übertragen wurde und Kinder erblinden ließ. Seitdem versetzt mich der Gedanke, mich mit irgendetwas anzustecken, in Panik. Ich möchte einfach niemanden außer meiner Freundin küssen!

-Nachdem Sie Action- und Sexszenen hassen: Was macht Ihnen denn in Ihrem Beruf am meisten Spaß?

Der psychologische Prozess, mich in eine Filmfigur zu verwandeln, sie zu verstehen, ihre Abgründe zu erforschen. Ich sehe mich als eine Art Gefühlsschmied: Es fasziniert mich, die Emotionen bestimmter Charaktere nachzuempfinden. Bei „Die versunkene Stadt Z“ wollte ich so tief wie möglich in die Einsamkeit des besessenen Forschers eintauchen, der in seinem Privatleben  große Opfer bringt, um seine beruflichen Ziele verfolgen zu können.

-Wie sind Sie dabei vorgegangen? Haben Sie auch große Opfer gebracht?

Zunächst einmal musste ich mir während der Dreharbeiten 40 Pfund herunterhungern. Ganz bewusst habe ich keine technischen Geräte in den Dschungel mitgenommen – kein Handy, keinen Laptop, nichts dergleichen. Es gab also monatelang für mich keine E-Mails und kein einziges Wort zu Familienmitgliedern oder Freunden. Ich habe mich auch von den anderen Teammitgliedern abgeschottet und nicht im selben Hotel gewohnt wie sie. Ich fürchte, ich war eine totale Nervensäge, denn ich habe jeden Kollegen angemotzt, der nicht zu ähnlichen Opfern bereit war. Sogar unseren Regisseur habe ich beschimpft, weil er seine Familie an den Amazonas mitgenommen und Zeit mit ihr verbracht hatte.

-Wie hat er reagiert?

Er hat zurückgefaucht: „Mach deinen Isolations-Mist, wenn du glaubst, das wäre nötig, aber lass mich gefälligst mein eigenes Ding machen!“

-Haben Sie in all der Zeit auch nicht mit Ihrer Freundin gesprochen?

Ja, ganz konsequent, kein Wort. Vier Monate lang.

-Wie bitte? Vier Monate? Ist sie immer noch ihre Freundin?

Ja! Ich glaube, für sie war die Funkstille ein viel größeres Opfer als für mich. Sie ist Schmuckdesignerin, und immerhin konnte ich ihr aus Kolumbien ein tolles Geschenk mitbringen, weil dort Smaragde sehr preisgünstig sind. So richtig versöhnt war sie aber erst, als sie den fertigen Film sah und erkannte, wofür unser Opfer gut war. Sie war zutiefst berührt und begriff sofort, wie viel von unserer Beziehung in meiner Darstellung des manischen Forschers steckt. Ich selbst hatte auch jahrelang wie im Rausch gearbeitet und mein Privatleben vernachlässigt. Dieser Film ist eine Art Entschuldigung, eine Liebeserklärung an meine Freundin.

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Kommentare