Die ganze Welt enthaltend

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Patrick Modiano Foto: dpa

„Gräser der Nacht“ von Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano ist ein sinnliches Vergnügen. von Sabine Dultz.

„Diese kurze und verworrene Zeit in meinem Leben.“ Drei Monate im Paris der Sechzigerjahre. Noch nicht einmal volljährig, was man damals erst mit 21 wurde. Und bedingungslos verliebt in Dannie, ein Mädchen ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, in so zweifelhafter wie bedrohlicher Gesellschaft. Dazu die Ermordung eines marokkanischen Exilpolitikers, Wohnsitz in einem obskuren Hotel in Montparnasse, Aufenthalte in einem verlassenen Landhaus, nächtliche Einbrüche, postlagernde Briefe, verschiedene Identitäten, Cafés, Bars und jede Menge Cointreau. Unangefochten von all dem: das Glück einer großen, jungen Liebe, deren Protagonisten nicht fragen nach dem Woher und Warum und nach der Zukunft.

Es ist diese Leichtigkeit des Seins, dieser Charme der Sorglosigkeit einer ganz und gar nicht sorgenfreien Existenz, die den soeben auf Deutsch erschienenen Roman von Nobelpreisträger Patrick Modiano (69) zu einem sinnlichen Vergnügen machen. Man genießt dieses „Gräser der Nacht“ benannte Buch wie ein erstklassiges französisches Chanson: eine Momentaufnahme aus der Lebensgeschichte, knapp erzählt und doch die ganze Welt enthaltend.

Ein bisschen autobiografisch wird der Roman schon auch sein. Denn der Ich-Erzähler Jean ist ein Schriftsteller um die Fünfzig, der sich um 30 Jahre zurückversetzt und dabei jene Menschen, Stimmungen und Ereignisse wieder auferstehen lässt, die er offenbar total verdrängt hatte. Gäbe es nicht dieses schwarze Notizbuch, das er damals schon, als 20-Jähriger, immer bei sich trug und mit stichwortähnlichen, aber zusammenhanglosen Einträgen versah, er könnte die plötzliche Gegenwart des Vergangenen für einen Traum halten.

Modiano ist ein Meister der analytischen Aufarbeitung, ein Detektiv des Lebens. Das macht seinen Roman so spannend. Formal von höchster Raffinesse, schlägt er eine Brücke zwischen dem Gestern und dem Heute, verschmilzt beides miteinander und unterscheidet nur noch zwischen Tag und Nacht: „Menschen und Dinge versinken in einem Grau-in-Grau, und ich warte ungeduldig auf die Nacht, in der sich alles klar und deutlich abzeichnen wird“, schreibt sein Ich-Erzähler Jean. Und: „Die Zeit ist aufgehoben, und alles beginnt von neuem.“

Zu diesem Anfang gehören ebenso wie Dannie und ihre marokkanischen Begleiter auch Figuren vergangener Jahrhunderte, deren Namen der Schriftsteller in seinem alten Notizbuch findet, Figuren, über die er wohl einmal schreiben wollte und die ihm jetzt wieder derart gegenwärtig sind, dass er meint, ihnen auf der Straße zu begegnen: Jeanne Duval etwa, der dunkelhäutigen Geliebten Baudelaires. Oder der skandalösen Baronin Blanche, die 1794 unter der Guillotine zu Tode kam.

So werden mit der vergegenwärtigten Erinnerung Zeit und Raum aufgehoben. Wenn dem Ich-Erzähler auch Dannie, die Geliebte für ein Vierteljahr, heute wieder so nahe ist, dass er sie plötzlich direkt anspricht, bleibt die Wahrheit über diese junge Frau und ihr plötzliches Verschwinden aus dem Leben des Dichters dennoch für immer ein Geheimnis. Als Gewissheit behauptet sich nur die Liebe. Schöner geht es wirklich nicht.

Patrick Modiano:

„Gräser der Nacht“. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München, 175 Seiten; 18,90 Euro.

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