„Für mich interessiert sich keine Sau“

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Moritz Bleibtreu als Anwalt Friedrich Kronberg dient als Conférencier: Sämtliche Episoden der neuen ZDF-Reihe „Schuld“ sind beeindruckend gut besetzt, etwa mit Bibiana Beglau, Devid Striesow, Matthias Matschke, Hans-Michael Rehberg, Jörg Hartmann, Anna Maria Mühe, Alina Levshin und Adrian Topol. foto: zdf

Moritz Bleibtreu über seine neue Rolle in der ZDF-Reihe „Schuld“ und die Zukunftslosigkeit des Fernsehens. Moritz Bleibtreu zählt zu den besten Schauspielern des Landes.

Nach 20 Jahren kehrt er vom Kino auf den Bildschirm zurück – als Anwalt in der sechsteiligen Reihe „Schuld“, mit der das ZDF nach „Verbrechen“ abermals die Justizfälle des literarischen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach verfilmt hat. Start ist heute um 21.15 Uhr. Im Interview spricht der 43-jährige Hamburger über den Mörder in uns allen und warum seine Rückkehr ins Fernsehen zu spät ist.

-„Schuld“ handelt davon, dass wir alle zum Bösen fähig sind. Steckt in jedem von uns ein Mörder?

Jeder Mensch handelt hier und da aus niederen Beweggründen. Wer Hunger hat, wird schnell sauer, wer sich betrogen fühlt, noch schneller, und wenn man dazu eine halbe Flasche Whisky getrunken hat, wächst die Wahrscheinlichkeit zu Taten, zu denen man sich nicht in der Lage glaubt. Wegen ihrer Skrupellosigkeit haben die Bösen Kraft, sich durchzusetzen.

-Sieht ihnen das Krimipublikum deshalb gern zu?

Weil normale Bürger so fasziniert, was sie sich selbst nicht trauen, beobachten sie gern Menschen, die ihre eigenen Normen, Werte und Regeln durchsetzen. Deshalb ist mein Beruf auch so toll. Als Schauspieler kannst du ohne Reue Frauen verführen, Dinge zerstören.

-Wenn man sich Filme von „Knockin‘ on Heaven’s Door“ bis „Chico“ ansieht, scheint es für Sie genauso verlockend zu sein.

In der Tat. Trotzdem vergleiche ich meine Arbeit mit dem eines Musikers. Wenn er Rock oder Pop macht, gelangt er nie zu wahrer Größe, wenn er sich nicht auch mit Klassik und Soul beschäftigt.

-Ist es nicht spannender, Extreme aus einer gewöhnlichen Figur zu ziehen?

Deshalb finde ich den Anwalt in „Schuld“ so interessant. Er hat kein Privatleben, also nichts vom Futter anderer Figuren: emotionale Abgründe, biografische Brüche. Statt sich selber zu entwickeln, dient dieser Friedrich Kronberg als eine Art Conférencier. Manche Kollegen würden das langweilig nennen. Ich finde diese Zurückhaltung cool, weil ich sonst laute Typen spiele.

-Für die Serie sind Sie zum TV zurückgekehrt.

Das hat mit dem Kino zu tun. Vor allem mit unserer Selbstwahrnehmung in jener Zeit, als es dank hervorragender Filme wie „Sonnenallee“, „Untergang“ oder „Das Leben der anderen“ plötzlich auch international wieder wahrgenommen wurde. Der „Baader-Meinhof-Komplex“ war für den Oscar, Emmy und BAFTA nominiert. Wissen Sie, wie viele Nominierungen es beim deutschen Filmpreis gab?

-Vermutlich keinen.

Exakt. Zero! Wir haben es versäumt, stolz auf unsere Filme zu sein, als es welche gab. Jetzt gibt es abgesehen von Fatih Akin fast nichts mehr, auf das es sich stolz zu sein lohnt. Vom Fernsehen ganz zu schweigen.

-Als Sie 1998 Ihren Abschied vom Fernsehen nahmen, meinten Sie, es sei verglichen mit dem Kino zu passiv. Aktiviert ein Format wie „Schuld“ sein Publikum in einer Art, dass Sie nun öfter zurückkehren?

Immerhin schauen meine Kumpels jetzt mal einen Film von mir, weil er übers Fernsehen leicht zugänglich ist. (Lacht.) Ernsthaft: Im Grunde aktiviert auch Kino kaum noch, denn vor zehn Jahren hatte selbst ein kantiger Film mit Werbung stabile 200 000 Zuschauer. Davon schafft er heute mangels PR und Spektakel nur einen Bruchteil. Die Masse war nie mein Antrieb, aber ich möchte mit meiner Arbeit anders als in den vergangenen fünf Jahren Menschen erreichen.

-Ist das ein Bekenntnis zu Massentauglichkeit?

Ich habe nichts gegen Filme für viele, nur dagegen, dass dafür vieles, was wenige interessiert, gar nicht erst gemacht oder ignoriert wird. Als ich mit Jürgen Vogel „Stereo“ gemacht hab, waren 60 000 Leute im Kino, obwohl der kaum besser hätte sein können. Jede Folge „Schuld“ hat wohl mehr Zuschauer als meine vergangenen acht Kinofilme zusammen.

-Liegt das an der Machart oder am Medium?

An beidem. So viel Widersprüchlichkeit und Gewalt schreckt zu dieser Sendezeit auf diesem Sendeplatz ja angeblich Zuschauer ab. Aber der Zug des Fernsehens ist trotzdem abgefahren. „Die Sopranos“, mit denen das lineare Erzählen seinen Anfang nahm, sind 15 Jahre her. Dass wir mit deutschen Serien noch Anschluss halten wollen, grenzt eher an Torschlusspanik als Veränderungswillen. Selbst wenn wir aufholen, wird das alte System mit Sender, Verleiher, Studio bald nicht mehr bestehen.

-Trotzdem werden weiter Filme gemacht.

Klar – mit hohem Anspruch und wenig Budget, aber nicht mehr in der Zahl, weil die Mitte zwischen ein paar Hunderttausend und irren Millionensummen wegfällt. Sich mit der Aussicht auf ein messbares Publikum mal auszuprobieren, fällt flach und du hast nur noch eine Handvoll lukrativer Schauspieler mit Zugkraft.

-Wie Bleibtreu…

Eben nicht! Für die Masse taugen die paar Schweigers, Bareks, Schweighöfers. Für mich interessiert sich keine Sau.

Das Gespräch führte Jan Freitag.

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