Als frisch Verpartnerte grüßen

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Einst waren sie Konkurrenten, jetzt machen Georg Hörtnagel (li.) und Andreas Schessl gemeinsame Sache. foto: sigi jantz

Andreas Schessl, Chef von Münchenmusik, steigt als Gesellschafter bei Hörtnagel ein – und will das nicht als Fusion verstanden wissen. von markus thiel.

Wie man dies alles wohl nennen soll? „Zusammenarbeit“, das wäre zu wenig. „Fusion“, das klingt immer gleich nach feindlicher Übernahme, nach dem Raubfeldzug des Stärkeren. Obgleich die vor einigen Wochen unterzeichnete Vereinbarung solche Gedanken nahelegt: Wenn Andreas Schessl, Chef von Münchenmusik und damit des erfolgreichsten Konzertveranstalters Europas, bei Hörtnagel, Münchens renommierter, alt eingesessener Konzertdirektion, einsteigt, dann kommen doch da zwei extrem unterschiedliche Klassikmarktgewichte zusammen.

Als „Partnerschaft“ wollen es der 54-jährige Schessl und der 88-jährige Georg Hörtnagel verstanden wissen – oder, etwas ironischer – als „Verpartnerung“. Rein rechtlich gesehen sieht es nun so aus, dass Schessl einer der vier Hörtnagel-Gesellschafter ist – neben dem legendären Konzertveranstalter selbst, seiner Tochter Konstanze Hörtnagel und der Musikagentin Sonia Simmenauer. Dass da der Größere den Kleinen verspeist, diesen Eindruck müht man sich bei der Präsentation zu zerstreuen. Beide Firmen tauchen auch künftig als zwei verschiedene Marken auf.

Ausschlaggebend für alles war, dass der Senior nicht nur unter Münchens Veranstaltern sein Feld bestellen wollte. Schon immer war die Konzertdirektion Hörtnagel ein familiär geführtes Unternehmen, das auf engen, freundschaftlichen Kontakt zu ausgewählten Künstlern baute und sich am phonstarken PR-Wettkampf nicht beteiligte. In über fünf Jahrzehnten erwarb man sich das Image einer Edel-Marke, die hochkarätige Kammermusik offerierte, die es allerdings nun, gerade aufgrund ihrer Strukturen, auf dem Klassikmarkt nicht mehr so leicht hat. Es gab neben Schessl Gespräche mit einem anderen Unternehmen. Dass es nun der Chef von Münchenmusik geworden ist, hat, wie man aus den Erläuterungen der beiden heraushört, auch Gründe, die sich nicht mit Zahlen erklären lassen.

Für Schessl ist da offenbar ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen. Sein Vater war Mitglied im berühmten Koeckert Quartett, mit Kammermusik ist er also aufgewachsen – und hat später nie gewagt, dieses Genre in sein inzwischen überbordendes Konzertbouquet aufzunehmen. Auch, wie Schessl durchblicken lässt, aus Respekt vor der Premium-Konkurrenz à la Hörtnagel.

Für den Seniorpartner ist die Vereinbarung, wie er gesteht, „nicht ganz einfach gewesen“. Als Veranstalter hat sich Hörtnagel, bis zu einer Handverletzung Kontrabassist im Bayerischen Staatsorchester und nach der Genesung oft wieder auf der Bühne, ohnehin nie begriffen. „Ich bin bis zum heutigen Tag mehr Musiker. Da ist es mir ganz Recht, dass es nun vernünftig weitergeht.“ Trotz der bisherigen Konkurrenz betont Schessl, dass man immer ohne Zwist miteinander ausgekommen sei. Was sich, das haben gerade jüngste juristische Auseinandersetzung gezeigt, vom Umgang mit anderen Münchner Veranstaltern nicht behaupten lässt.

Und was passiert mit dem Hörtnagel-Angebot? Es bleibt bei den beiden Konzertreihen „Pro Musica“, in der auch Orchester angeboten werden, und „Kammermusik der Nationen“. Schessl glaubt aber, dass man gerade im Streichquartett-Bereich noch einiges tun kann, um jüngeres Publikum zu gewinnen. Man denke bereits über eine dritte Hörtnagel-Reihe nach. Doch zunächst wird erst einmal das Fenster geöffnet: „Wir lassen Sauerstoff rein.“

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