MIRGA GRAŽINYTĖ-TYLA VERABSCHIEDET SICH MIT DEM DOPPELPACK „VON WASSER UND STEINEN“ UND „DIE TORE VON JERUSALEM“ AUS SALZBURG

Freilicht-Finale

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Im Park von Schloss Hellbrunn spielt die Freilicht-Produktion „Von Wasser und Steinen“. Foto: Anna-Maria Löffelberger

Womöglich wird es hier nie richtig trocken. Ein Modergeruch weht von der Felsenbühne her, manchmal tropft es.

Und wenn diese Klänge aufsteigen in den Wald, raunende Ostinati, Beschwörungen in einer vergangenen Sprache, dann schwant einem: Hier müssen, weit vor Fürsterzbischof Markus Sittikus, der sich dieses Lustgebiet am Rande Salzburgs gönnte, andere Geister am Werk gewesen sein. Ein Kraftort. Nicht nur das Steintheater von Hellbrunn, auch die Wiese vor der Orangerie und die Wasserspiele hinterm Schloss. Erst recht die Kollegienkirche im Stadtzentrum, in der Architektur über Ausstattung gesiegt hat: Es gibt kaum Gemälde oder bunt-barocken Zierrat.

Für diese Doppel-Produktion, ihre letzte am Salzburger Landestheater, hat Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla besondere Spielstätten ausgesucht. Und einen besonderen Komponisten, einen Landsmann: Der Litauer Bronius Kutavičius, Jahrgang 1932, ist bei uns kaum bekannt. Seine Tonsprache schaut in zwei Richtungen, vor allem zurück. Der alte Klang des Volkstums, das Woher der Musik interessiert ihn, auch außerhalb Europas. Über- und weitergeführt wird das in einen komplexen, mal raffiniert verspielten, mal harschen, auch rausch- und geräuschhaften Gestus. Archaik vermählt sich mit Moderne. Sogar die jüngsten Zuhörer haben etwas davon.

Das Finale der Freilicht-Produktion „Von Wasser und Steinen“ erzählt von einem Menschensohn, einem bösen Knochengreis und einem Schwanenmädchen. Der krause Sagen-Mix löst sich im Wasserspiel-Areal von Hellbrunn auf in zauberhafte 20 Minuten. „Halbszenisch“ nennt das Landestheater dies alles. Doch das Ambiente des Parks ist ohnehin zu stark, als dass Regisseurin Birutė Mar dagegen aninszenieren könnte. Das verzweigte Geweih des gar nicht so alten Greises, die langen Gewänder, der lebhafte Erzählton von Elliott Carlton Hines, die Gestik der Solisten, die angedeutete Chorchoreografie, das reicht vollkommen.

Zwei Stunden wandert man durch Hellbrunn. Es beginnt mit einem Violinsolo an der Orangerie, steigert sich im Steintheater zu einer Seance mit dem soghaften Chorwerk „Aus dem Stein der Jatwinger“ (ein ausgestorbenes baltisches Volk ist gemeint) bis zum Oratorium „Der Knochengreis auf dem eisernen Berg“. Ganz vertraut wird einem die Musik von Kutavičius, auch weil er in Mirga Gražinytė-Tyla die bestmögliche Anwältin hat. Dirigieren kann man das schon nicht mehr nennen, eher Animieren, Befeuern, Begeistern. Vor allem der Kinderchor des Landestheaters und der Festspiele wird dank der Chefin zum Star der Doppelproduktion. Die Präzision, die Lust, sich auf fremdem Klanggebiet zu bewegen, all das überrumpelt.

Manchmal singt Mirga Gražinytė-Tyla auch selbst mit, zu Beginn von „Die Tore von Jerusalem“ sogar ein schlichtes Solo, mit dem die 90 Minuten in der Kollegienkirche eröffnet werden, bevor der Kinderchor ihre Melodie aufnimmt. Die Tore der heiligen Stadt öffnen sich klanglich zu verschiedenen Kulturen: nach Japan, zu den Nordländern, nach Afrika und zum Christentum. Auch in der Kirche halten sich Regisseurin Birutė Mar und Ausstatterin Indré Pačėsaitė zurück. Musik entsteht nicht nur vor dem Altar. Es gibt bedeutungsvolles Schreiten, gebremste rituelle Tänze, die Kinder führen rote Papiervögel auf Stangen mit sich. Der Chor des Landestheaters und das Mozarteumorchester kommen hervorragend mit den ungewohnten Partituren zurecht. Naiv könnte man das alles nennen, auch schultheaterhaft, doch um Regie geht es hier kaum. Die Musik, die sich Raum erobert und mit ihm in Wechselwirkung tritt, soll nicht gestört werden. Heftiger Applaus, bald ist Mirga Gražinytė-Tyla, diese Dirigentin mit Starqualität, zu neuen Ufern in Birmingham und Los Angeles einteilt. Man wird sie in Salzburg sehr vermissen.

Weitere Aufführungen

„Von Wasser und Steinen“ am 6., 7. und 15. Juni (Dirigent: Wolfgang Götz); „Die Tore von Jerusalem“ am 24. und 28. Mai; Telefon 0043/ 662/ 871 51 22 22.

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