ABT JOHANNES ECKERT ÜBER DIE ERNEUERUNG DER KIRCHE, NOTWENDIGE FRAGESTELLUNGEN UND SEIN NEUES BUCH „STEHT AUF!“

„Frauen haben eine andere Form der Spiritualität“

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Abt Johannes Eckert von Sankt Bonifaz. foto: Barbara Just/ kna

Der Abt von Sankt Bonifaz in München und Andechs, Johannes Eckert, beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Steht auf!“ mit sechs namenlosen Frauen im Markus-Evangelium (erschienen bei Herder, 16 Euro).

Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Benediktiner darüber, welche Botschaft diese Frauen für die Kirche noch heute haben.

-Ihr Buch heißt „Steht auf!“, parallel wirbt Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht für die Bewegung „Aufstehen“. Zufall?

Das ist reiner Zufall. Der Titel hat sich aus dem Markus-Evangelium ergeben. Dort heilt Jesus ein junges Mädchen mit den Worten: „Ich sage dir, steh’ auf.“ Das hat natürlich mit dem Glauben an die Auferstehung zu tun.

-Steht es um die katholische Kirche so schlecht, dass ein Abt für die Frauen Partei ergreifen muss?

Die Entstehungsgeschichte ist eine andere. Vor drei Jahren habe ich mich mit den „Heute“-Worten bei Lukas beschäftigt, vor zwei Jahren mit den „Gipfeln“ bei Matthäus. Nun suchte ich ein Thema bei Markus und bin auf diese sechs namenlosen Frauen gestoßen. Anfangs bin ich exegetisch an den Text heran, dann aber begann ich, fiktive Briefe an diese Frauen zu schreiben, und so wurden sie für mich lebendig.

-Haben Sie Antworten erhalten?

Ja, ich habe mir auch geantwortet. Zudem führte ich Gespräche mit vielen Frauen in meinem Bekanntenkreis über die biblischen Gestalten. Mir hat das geholfen. Diese unbekannten Frauen sind für mich zu Kirchenlehrerinnen geworden.

-Das Thema „Frauen“ im Markus-Evangelium bot sich also an?

So ist es. Markus erwähnt namentlich drei Frauen, die aus der Ferne die Kreuzigung und die Grablegung Jesu beobachten und am Ende zu Boten der Auferstehung werden. Doch zunächst verharren sie in Schockstarre am Grab. So schloss eigentlich das Evangelium. Die Frauen erzählen niemandem, was sie erlebt haben. Man nimmt an, dass Markus bewusst seine Leser provozieren wollte: „Und Du?“ Es geht darum, das Evangelium neu zu lesen und es auf sein eigenes Leben hin zu aktualisieren.

-Wie kann sich die Kirche aus den Wurzeln des Evangeliums erneuern?

Wir dürfen dankbar sein, dass die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Heilige Schrift neu entdeckt hat. Papst Franziskus ruft dazu auf, das Evangelium auf unsere Zeit hin zu aktualisieren. Das mag nicht immer angenehm sein und auch Konflikt bedeuten. Doch unsere Glaubwürdigkeit als Jüngergemeinde des Herrn hängt davon ab, wie wir uns Themen stellen.

-Sie greifen Reizthemen wie den Zölibat, Frauenpriestertum oder die Segnung für homosexuelle Paare auf, stellen aber keine Forderungen, sondern Fragen. Warum?

Fragen sind einladend. Das Evangelium lässt diese Offenheit zu. Man kann auch von notwendigen Themen sprechen, die Not wenden helfen. Um Antworten zu finden, müssen wir miteinander ringen. Manchmal behaupten wir ja, die Frage sei beantwortet, aber sie darf auch wieder neu gestellt werden, wenn man meint, sie ist noch nicht beantwortet.

-Gerade beim Frauenpriestertum heißt es, die Sache sei von Rom entschieden.

Das erinnert mich an den Advent bei uns daheim, als meine Eltern uns Kindern sagten, wir dürften die Geschenke nicht vorher suchen, weil sonst das Christkind traurig sei. Ab einem gewissen Alter hat uns das besonders interessiert, was in den Schränken versteckt worden ist. Man kann manche Fragen nicht unterbinden. Bei Markus sind es übrigens nur Frauen und Engel, die Jesus dienen. Die Männer kommen alle schlecht weg. Sie müssen vor seiner Passion noch einmal belehrt werden, was dienen heißt. Sein erstes Heilungswunder, bei dem Jesus einen Menschen berührt, nimmt er an einer Frau vor, der Schwiegermutter des Petrus. Dadurch wird sie in sein Auferweckungsgeheimnis eingeweiht und dient ihm. In unserer Kirche erleben wir viele Frauen, die selbstverständlich dienen, in der Krankenhausseelsorge, in der Katechese oder anderen Bereichen. Da stellt sich schon die Frage, wie steht es um die Dienste in unserer Kirche und ist diese Frage hinreichend beantwortet.

-Der heilige Benedikt hat von seiner Schwester Scholastika so einiges für sein spirituelles Leben gelernt. Ist Ihre Schwester bisweilen auch jemand, der Ihnen Input gibt?

Das gilt für alle meine Geschwister, aber auch für meine Nichten. Auch von den geistlichen Schwestern nehme ich etwas mit. Frauen gehen manche Themen ganz anders an, haben eine andere Form der Spiritualität, manchmal auch der Konsequenz. Es ist wichtig, dafür offen zu bleiben. Die Syrophönizierin und die Frau mit dem Blutfluss bei Markus haben den Mut, Grenzen zu überschreiten. Sie haben einen Glauben, der gesund macht. Ich wollte auf diese Frauen verweisen: namenlos, aber nicht bedeutungslos.

Das Gespräch führte Barbara Just.

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