DIE LEIPZIGER BUCHMESSE ZEIGT SICH HEUER SEHR POLITISCH, VERNACHLÄSSIGT GASTLAND LITAUEN UND WIRD ZU KOMMERZIELL

Es fehlt an Schwung

Das Gastland Litauen ist bei einer Bevölkerungszahl von nur 3,5 Millionen Menschen immerhin mit 26 Neuerscheinungen bei der Leipziger Buchmesse präsent – bekommt aber zu wenig Platz dafür. Foto: Hendrik Schmidt/ dpa
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Das Gastland Litauen ist bei einer Bevölkerungszahl von nur 3,5 Millionen Menschen immerhin mit 26 Neuerscheinungen bei der Leipziger Buchmesse präsent – bekommt aber zu wenig Platz dafür. Foto: Hendrik Schmidt/ dpa

VON SABINE DULTZ. In Leipzig tobt das Leben.

Zumindest an diesen vier Tagen des sächsischen Hochkultur-Marktes. Noch bis Sonntag präsentieren 2493 Aussteller aus 43 Ländern ihre überwiegend gedruckte Ware. In Halle 1 der Leipziger Buchmesse geht’s besonders rund. Sie ist ganz und gar im Besitz einer Fantasy-Wirklichkeit und, was ärgerlich ist, zunehmend kommerziell ausgerichtet. Seit vielen Jahren schon widmet die Messe der japanischen Comicwelt Manga ein eigenes Segment. Das war anfangs auch gut so, denn Manga zieht die Schulkinder in Scharen in die Buch-Metropole.

Auch an diesem ersten Messe-Tag schiebt sich, kaum haben die Tore geöffnet, die Masse Jugendlicher durch die Gänge. Viele von ihnen sind bereits kostümiert als eine der unzähligen Manga-, Comic- oder Computerspiel-Figuren. Andere kaufen sich erst am Ort ihre Horror-und Kitsch-Utensilien. So üben sie für den Cosplay-Wettbewerb an diesem Samstag. Bis dahin dürften die Händler von Schrott und Schund ein gutes Geschäft gemacht haben – mit ihren Schwertern, Masken und Messern, den Plüschungeheuern und sonstigem Tinnef.

Zum Glück aber „verirrt“ sich manch junger Besucher auch in die eigentlichen Sphären der Bücherschau. Sie ist in diesem Jahr noch einmal politischer geworden. Das ist natürlich dem diesjährigen Gastland Litauen geschuldet, das bei einer Bevölkerungszahl von nur 3,5 Millionen Menschen immerhin mit 26 Neuerscheinungen in Leipzig präsent ist. Der Platz jedoch, der dem Land zur Verfügung steht, ist eher bescheiden und damit enttäuschend.

In den politisch geprägten Messe-Auftritten geht es vor allem um die Türkei. Auf dem Podium der unabhängigen Verlage lesen in Halle 5 jeden Morgen Verlegerinnen und Verleger Texte von Deniz Yücel. „Verbrecher“-Verleger Jörg Sundermeier: „Wir wollen zeigen, dass man ihn und all die anderen Journalisten und Journalistinnen nicht mundtot machen kann.“ Dazu passen diverse Lesungen politischen Inhalts. Sie alle stoßen auf großes Interesse. Die Lese-Inseln in den Messehallen, die literarischen Cafés, die großen Podien sind stets gut besucht. Ob im Gespräch mit dem Franzosen Mathias Énard, „Kompass“-Autor und frisch gekürter Buchpreisträger zur Europäischen Verständigung, oder bei der Lesung der georgischen Schriftstellerin Naira Galaschwili aus ihrem Roman „Ich bin sie“ – die Foren sind komplett besetzt.

Genauso verhält es sich, wenn Charlotte Wiedemann („Der neue Iran – Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten“) sich Fragen der Zuhörer stellt. Auch Autor Christian Röther trifft mit seinem Buch „Wenn die Wahrheit Kopf steht – Die Islamfeindlichkeit von AfD, Pegida und Co.“ auf sehr aufmerksame Zuhörer. Und Melanie Amann kann sich freuen über ein großes Publikumsinteresse an ihrer Analyse „Angst für Deutschland – Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert“. Angesichts dessen geraten andere Schwerpunktthemen ein bisschen ins Abseits. Zum Beispiel das Jubiläum 500 Jahre Reformation. Da gibt es das Bibelmobil, dessen Prunkstück, eine Lutherbibel von 1649, zum selbst darin Blättern – natürlich nur mit weißem Handschuh – ausgestellt ist. Da zieht die Lese-Insel Religion eine neugierige Zuhörerschaft an, wenn nämlich „Vom Wert der Werte: Ende der Privatheit. Brauchen wir eine neue Reformation?“ das Thema ist.

Ansonsten fehlt es der Sache an Schwung. Bücher zu Martin Luther sind verstärkt zu finden bei den Verlagen Beck, Hirmer und Rowohlt. Die Akteure des aktuellen Zeitgeschehens werden bei Ullstein präsentiert: Frank-Walter Steinmeier mit „Flugschreiber“ und „Die Wahrheit über Donald Trump“ von Michael D’Antonio.

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