ALEXANDER KLEIDERS KINO-PORTRÄT ÜBER EINE BASISDEMOKRATISCHE SCHULE OHNE NOTEN UND LEISTUNGSDRUCK

Extra-Klasse

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ZUm START DES MÜNCHNER DOKUMENTARFILM-FESTIVALS . von marco schmidt.

Es klingt wie eine Utopie: eine Schule, in der es keine Noten gibt, keinen Leistungsdruck, keinen Direktor. Eine selbstverwaltete, basisdemokratisch organisierte Bildungsstätte, in der Schüler und Lehrer alles gemeinsam besprechen und beschließen – und in der die Schüler sogar selbst mitbestimmen dürfen, was sie lernen wollen. Ein Wunschtraum? Nein, so etwas gibt es wirklich: die Schule für Erwachsenenbildung (SFE) in Berlin. Das Modell hat sich sehr bewährt. Seit ihrer Gründung 1973 hat die SFE Tausende von Schülern erfolgreich zum Abitur geführt, etwa einige renommierte Ärzte, einen Brüsseler Star-Anwalt und den preisgekrönten Filmemacher Alexander Kleider. Der hat der Schule nun ein filmisches Denkmal errichtet – mit seiner Dokumentation „Berlin Rebel High School“, die sechs SFE-Schüler (allesamt schillernde Individualisten, die im regulären Schulsystem gescheitert sind) auf ihrem Weg zum Abitur begleitet. Der Film feiert heute beim Dok.fest seine Münchner Premiere und kommt am 11. Mai bundesweit in die Kinos.

Für ein Gespräch mit unserer Zeitung kehrt Kleider an den Tatort zurück. Wir treffen ihn in seinem damaligen Klassenzimmer in der SFE, wo er im Jahr 2000 das Abi geschafft hat. Untergebracht ist die Schule in den beiden obersten Etagen einer stillgelegten Schriftgießerei-Fabrik in Berlin-Kreuzberg. Im ersten Stock residiert sinnigerweise der Verbrecher Verlag. Das Haus wirkt ziemlich runtergerockt – Putz bröckelt ab, sämtliche Wände sind mit knallbunten Graffiti übersät. Dennoch umfängt einem eine warme Atmosphäre: Man fühlt sich gleich wie zu Hause.

Kleider erzählt, er habe seine ursprüngliche Laufbahn an einer konservativen Regelschule in Böblingen nach der zehnten Klasse abgebrochen. „Dort ging es nur um Leistung, nicht um Neugier oder Freude am Lernen. Alles, was mich interessiert hätte, wurde systematisch zerstört.“ Nach einer Ausbildung zum Erzieher („Ich wollte die Gesellschaft verändern – und wie könnte man das besser als durch Erziehung?“) juckte es ihn aber doch, das Abitur nachzuholen, um sich nicht als Versager zu fühlen. Auf der Suche nach einer Einrichtung des zweiten Bildungswegs stieß er auf die SFE und zog nach Berlin.

Dort habe er zum ersten Mal Spaß am Lernen bekommen, schwärmt Kleider. „Die Lehrer an der SFE haben mir neue Welten eröffnet. Sie waren wie Mentoren. Allen voran Klaus Trappmann, mein Deutsch- und Kunstlehrer, ein sehr gebildeter Mensch, der zudem eine unglaubliche Freude an Literatur, Kunst und Wissensvermittlung hat.“ Trappmann ist auch der Star von „Berlin Rebel High School“ – als Zuschauer wünscht man sich, man hätte ihn als Lehrer gehabt. Beim Austin Film Festival in Texas, wo der Film im Oktober den Publikumspreis gewann, meinte ein Besucher: „Jeder braucht so einen Onkel Klausi!“ Alle zwei Wochen stimmen die Schüler der SFE in einer Versammlung über organisatorischen Fragen ab. „Demokratie ist hier keine hohle Phrase, sie gehört zum Tagesgeschäft“, erläutert der Regisseur. „Hier lernt man, Verantwortung zu übernehmen, Dinge zu vertreten, für eigene Ideen zu werben. Kurz gesagt: Du lernst wirklich den Umgang mit Menschen.“

Sein Film verschweigt nicht, dass es im Schulalltag auch Krisen, Knatsch und Katzenjammer gibt. Im Laufe der Jahre mussten die Lehrergehälter mehrmals eingefroren werden, um eine Insolvenz zu vermeiden. „Die SFE krebst permanent am Existenzminimum herum“, so Kleider. „Staatliche Gelder hat sie abgelehnt, um völlig unabhängig von allen Institutionen zu sein. Und das Schulgeld wollte man auch nicht erhöhen, damit das keine elitäre Veranstaltung wird.“ Derzeit arbeiten die Lehrer für einen mickrigen Stundenlohn von 12,50 Euro brutto. „Da braucht man schon viel Idealismus“, meint Kleider. „Aber der war auch immer da – und hat die Schule durch alle Krisen getragen.“

Der Filmemacher findet, dass das Bildungssystem vom radikalen Ansatz der SFE einiges lernen könnte, etwa die Trennung von Schule und Prüfung. „Ich finde es falsch, wenn ständig geprüft wird und die Lehrer Teil dieses Prozederes sind“, betont er. „Es ist besser, die Lehrer von dieser Last zu befreien und die Abschlussprüfung an einer externen Institution abzulegen. So funktioniert das auch an der SFE – da gehst du am Ende Hand in Hand mit den Lehrern raus, die dich jahrelang begleitet haben.“ Beim Deutschen Schulpreis hat die SFE 2016 sogar den zweiten Preis gewonnen. Es sieht so aus, als könnte diese Schule mit ihrem erfolgreichen Konzept eines Tages Schule machen.

Informationen:

Alexander Kleider präsentiert seinen Film heute, 17 Uhr, im Kino Atelier in München. Wiederholungstermine unter dokfest-muenchen.de; bundesweiter Kinostart: 11. Mai.

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