DIE FANTASTISCHEN VIER BEWEISEN AUF IHRER NEUEN PLATTE „CAPTAIN FANTASTIC“, DASS AUCH RAPPER IN WÜRDE ALTERN KÖNNEN

Ewige Jugend

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Drei der Fantastischen Vier in der Olympiahalle (v. li.): Michi Beck alias DJ Hausmarke, Smudo und Thomas D. – im Januar 2019 spielen sie wieder in München, dann mit ihrem neuen Album „Captain Fantastic“ im Gepäck. Foto: Martin Hangen

von Mike Schier. Es ist natürlich purer Zufall.

Aber ein ziemlich guter. Ausgerechnet jetzt, da das Land aufgeregt und leider nicht immer mit großer Sachkenntnis über Gewalt, Frauenverachtung und Antisemitismus im deutschen Rap diskutiert, veröffentlichen die Fantastischen Vier ein neues Album. Jene Band, die Sprechgesang auf Deutsch erst salonfähig gemacht hat. Mit fröhlichen Reimen auf ihrer ersten Hitsingle „Die da“, die den Weg bereitete für ein Genre, das heute eine enorme Bandbreite hat und dessen radikaler Rand immer hemmungsloser provozieren muss, um noch jugendliche Protestattitüde zu artikulieren.

Protest oder gar Provokation aber waren noch nie die Sache der Fantastischen Vier – wenn man mal von der eher pubertär-satirischen Weihnachtssingle „Frohes Fest“ absieht, die seit Anfang der Neunzigerjahre bis heute auf dem Index steht. Wegen ihres pornografischen und frauenverachtenden Charakters. Ausgerechnet.

Das ist lange her. So lange, dass die vier Herren, heute alle um die 50, eher als Anschauungsobjekt dafür dienen, wie man in einer Jugendkultur in Würde altert und sich doch treu bleibt. Ein bisschen wie die Toten Hosen, die schon lange mehr Pop als Punk sind, aber immer noch verdammt gut, scheinen auch die vier (Ex-)Stuttgarter eine ebenso glaubwürdige wie massenkompatible Mischung hinzubekommen. Das neue Album „Captain Fantastic“ liefert jedenfalls eindeutige Indizien, dass die Band sich nicht dem Zeitgeist unterwirft, aber auch nicht aus der Zeit fällt.

Dabei haben sie sich ja ein wenig auseinander gelebt – zumindest räumlich. Thomas D. hat sich vom Popstarleben in der Großstadt auf einen Gutshof in der Eifel verabschiedet. Smudo lebt in Hamburg, DJ Hausmarke in Berlin. Allein Produzent And.Ypsilon blieb in Stuttgart, jener gutbürgerlichen Stadt, mit der die Gruppe bis heute identifiziert wird. Nie war es hier so hart wie in Berlin oder Frankfurt. Und mit adoleszentem Zorn hatte die Band dementsprechend wenig am Hut, was ihr zumindest die Kritik der Hip-Hop-Szene eintrug. Die „Fantas“ galten innerhalb der Szene nie als die Urväter deutschen Raps – diese Rolle blieb Advanced Chemistry, die ihre Musik deutlich ernsthafter und politischer anlegten. Die Akzeptanz der Szene mussten sich die „Fantas“ erst im Lauf der Jahre erarbeiten.

Umso bemerkenswerter ist „Captain Fantastic“, das inzwischen zehnte Studioalbum der Band. Erstens, weil es politischer ausfällt als alle seine Vorgänger. Auf dem Titeltrack, vor allem aber auf „Endzeitstimmung“ haben die vier – der aufgeladenen Stimmung im Land angemessen – eine eindeutige Botschaft im Gepäck. „Geht mir weg mit eurem Stolz auf die eigene Nation/ Ihr seid nicht das Volk, ihr seid die Vollidioten.“ Die Zeilen klingen wie eine Antwort auf die aufgeregte Echo-Diskussion im Lande, wurden aber schon Monate vorher aufgenommen.

Nicht ganz so offensichtlich, aber eigentlich auch nicht zu überhören, ist die zweite Neuerung: der künstlerische Input, den sich die „Fantas“ auf ihre Platte geholt haben. Dabei handelt es sich nicht nur um die Feature-Gäste Clueso, Flo Mega, Tom Gaebel und Damion, sondern um die Herren im Hintergrund. Zu DJ Thomilla, mit dem man schon zu Stuttgarter Zeiten zusammenarbeitete, gesellten sich die Produzenten Hitnapperz und Digitalism. Vor allem aber wurden die vier textlich von Samy Deluxe und Denyo (Beginner) beraten, was dem Werk deutlich mehr Frische verleiht.

Um es klar zu sagen: Die Geschichte des deutschen Raps muss nach „Captain Fantastic“ sicher nicht neu geschrieben werden. Und dennoch: Nachdem man gefühlt ein halbes Jahrzehnt lang das 25-jährige Bandjubiläum gefeiert hat, gelingt den älteren Herren ein zeitloses Album – mal erstaunlich modern („Aller Anfang ist Yeah“), mal mit dem typischen „Fanta“-Stil, der auf Tour sicher wieder die halbe Olympiahalle zum Springen bringt („Tunnel“). Trotz aller ernsten Politik und ironischen Midlifecrisis bleibt der Grundton typisch positiv. Nicht nur, aber vor allem bei „Zusammen“ mit Clueso, zu dem es auch ein gelungenes Video gibt. Von wegen „Endzeitstimmung“!

Das alles wirkt nicht so, als hätten die vier nach inzwischen fast 30 Jahren schon genug voneinander. Eher scheint das letzte Stück der Platte Programm. Es heißt „Weitermachen“.

Die Fantastischen Vier:

„Captain Fantastic“

(Sony).

Konzert:

Die Fantastischen Vier spielen am 20. Januar 2019 in der Münchner Olympiahalle, es gibt nicht mehr allzu viele Karten; Tel. 089/ 54 81 81 81.

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