Europa-Mosaik

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Anthony Doerr schreibt in „Alles Licht, das wir nicht sehen“ über Kinder im Zweiten Weltkrieg. Foto: Jerry Bauer

Anthony Doerrs exzellenter Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“. Von Johanna Popp.

„Alles Licht, das wir nicht sehen“ begleitet zwei Kinder durch die Jahre 1934 bis 1945: das blinde Mädchen Marie-Laure, das mit seinem Vater, dem Schlosser des Naturkundemuseums, in Paris lebt; und das Waisenkind Werner aus dem Ruhrgebiet. In kurzen, schnappschussartigen Kapiteln wechselt der Roman zwischen den beiden hin und her, erzählt, wie sie aufwachsen, wovon sie träumen und wie sie schließlich vom Krieg mitgerissen werden, entwurzelt und anderswo hingeschleudert. Der Vater baut Marie-Laure Modelle, kleine, geschnitzte Häuschen – von ihrem Pariser Viertel und dann von Saint-Malo, der Stadt am Meer, in die es sie später verschlägt. Sie helfen dem Mädchen, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden und verbergen ein unschätzbar wertvolles Kleinod vor den Nazis.

In Deutschland bringt Werners technische Begabung ihn derweil in eine brutale NS-Erziehungsanstalt. Während er in die Wehrmacht eingeführt wird, zieht Marie-Laure zu ihrem kauzigen Onkel Etienne, dessen Haushälterin Madame Manec die Besatzung nicht länger erträgt und sich der Résistance anschließt.

Für „Alles Licht, das wir nicht sehen“ wurde Anthony Doerr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet (wir berichteten). Der Roman ist in der Tat ausgezeichnet recherchiert, von einer eleganten Leichtigkeit und unglaublich berührend. Doerr ist detailverliebt, ohne sich in langatmigen Beschreibungen zu ergehen, vielmehr schafft er es kurz und prägnant, Bilder zu erzeugen und den Leser mühelos in seine Erzählung eintauchen zu lassen. Man sieht Marie-Laures gemütliche Museumswelt vor sich, in die blanke Stiefel hineintrampeln; das triste Ruhrgebiet, das Werner mit seiner Schwester Jutta durchstreift; das Arbeitszimmer, in dem sich Onkel Etienne eingeigelt hat. Und nicht nur die Charaktere der Hauptfiguren sind liebevoll gezeichnet, auch alle anderen bekommen persönliche Züge: Dr. Geffard zum Beispiel, „ein alternder Weichtierspezialist, dessen Bart nach nasser Wolle riecht“. Oder ein Stabsfeldwebel, dessen Weg sich mit denen beider Kinder kreuzt: „Er hat feuchte rote Lippen, blasse, fast durchsichtige Wangen wie rohe Schollenfilets, und sein Instinkt für korrektes Verhalten lässt ihn selten im Stich.“

Wie Doerr diese Figuren in das große Mosaik seiner Erzählung einfügt, dabei gleichsam immer wieder an verschiedenen Orten das Licht an- und ausschaltet und so Einblicke erlaubt, ist brillant. Nie stört das Hin- und Herspringen den Lesefluss, es ist eher, als beuge man sich über ein Modell Europas, ähnlich dem, das Marie-Laures Vater schuf. Darin stolpern Madame Manec, Jutta, Onkel Etienne, der Stabsfeldwebel und all die anderen durch die Kriegswirren. Und natürlich auch Marie-Laure und Werner, deren Schicksale zunächst so gar nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, die sich aber unaufhaltsam aufeinander zu bewegen, bis sie sich endlich, im Augenblick höchster Gefahr, doch begegnen. Und wenn man die letzte Seite umblättert, möchte man direkt wieder von vorne anfangen. Ein Buch, das fesselt, verstört und berührt – das man einfach gelesen haben muss.

Anthony Doerr:

„Alles Licht, das wir nicht sehen“. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Verlag C. H. Beck, München, 528 Seiten; 22,95 Euro.

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