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SIMON RATTLE DIRIGIERT HAYDNS „SCHÖPFUNG“ IM GROßEN FESTSPIELHAUS

Erzengel gelandet

von markus Thiel. Die Partie habe sie ja garantiert „drauf“, mutmaßte der Maestro bei der einzigen Klavierprobe für sie.

Keine Spur. Elsa Dreisig, Einspringerin für Haydns „Schöpfung“ zunächst beim Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker an der Spree und nun beim Festspiel-Abstecher an die Salzach, hat sich Erzengel Gabriel und Eva beim Urlaubsheimflug und kurz danach unter anderem per iPad draufgeschafft. Und nun das: Plötzlich dominiert die Französin die von Simon Rattle dirigierte Aufführung. Weil sie einfach singt, nichts dazutut, den Phrasen vertraut mit frühlingsfrischem, groß und unangestrengt aufblühendem Sopran.

Ein klitzekleiner Aussetzer? Geschenkt. Den leisten sich auch die Kollegen im Großen Festspielhaus. Mark Padmore zum Beispiel, dieser immens kluge Tenor-Stilist, der so ernst und bedeutungsvoll dreinschaut, dass man seine Hintergründigkeiten nicht aufs erste Hören erkennt. Und bei Bariton Florian Boesch verhält sich die Sache ohnehin anders. Der will so viel anfangen und ausdrücken mit seiner Doppelrolle als Raphael und Adam, dass er sich im Überinterpretieren verzettelt. Wohl auch, weil die Stimme oft so verkrampft und legatofrei geführt ist, dass nur mehr die Flucht in den Effekt bleibt.

Wie Haydns Opus summum beizukommen ist, das weiß Simon Rattle seit Jahrzehnten. Inzwischen interessieren ihn weniger Überraschungsangriffe mit ansatzlos platzierten Akzenten, sondern anderes: die Harmoniestruktur, die Klangflächenreibungen, das aufreizend Neutönerische. Den Humor des Wiener Klassikers hat der Brite im kleinen Finger, jedes Mikro-Ereignis, jede atmosphärische Verschiebung streckt er einem begeistert entgegen. Das ist oft so spontan, dass den Berliner Philharmonikern Lässigkeiten unterlaufen. Abgeklärter, obwohl tempotechnisch stark gefordert, agiert da der Rundfunkchor Berlin.

Als Horsd’œuvre gab es „Für Wolfgang“, ein amorphes Klangexperiment des in Salzburg anwesenden Österreichers Georg Friedrich Haas. Kurz, knapp und ebenso schnell wieder vergessen – wer kann schon gegen Haydns Lobpreis der Schöpfung bestehen. Der erweist sich immer mehr nicht als biedermeierlicher Dauerjubel, sondern als Mahnung in jeglicher Hinsicht, ob ökologisch oder politisch. Möglich, dass die „Schöpfung“ das derzeit aktuellste Werk überhaupt ist.

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