DAS MÜNCHNER DOK.FEST STARTET MIT EINEM FAMOSEN CHINA-FILM

Entgleister Kapitalismus

Regisseur David Borenstein
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Regisseur David Borenstein

Einfache Antworten auf schwierige Fragen sind gerade ziemlich beliebt.

Gleichzeitig wächst beim vernunftbegabten Teil der Menschheit das Misstrauen gegenüber solchen Welterklärern. Das beweist der immense Zuspruch, durch den das Münchner Dok.fest seit Jahren Zuschauerrekorde verbucht. Es gibt großes Interesse daran, mehr über die Welt zu erfahren, als in 140 Twitter-Zeichen passt. Auch heuer bieten 157 Dokumentarfilme aus 45 Ländern großartige Gelegenheiten dazu.

Exemplarisch dafür steht der famose Eröffnungsfilm „Dream Empire“, der wirkt, als habe sich Federico Fellini ein Drehbuch der Monty Python’s vorgenommen. Dabei ist alles wahr: In Chinas Provinz entstehen oft im Nichts riesige Städte. Um Käufer für die luxuriösen Immobilien anzulocken, werden Ausländer angeheuert, die so tun, als würden sie dort hinziehen. Denn wo Nicht-Chinesen wohnen, ist der Boom angekommen, und man hat die Chance, den „chinesischen Traum“ zu verwirklichen, nämlich am angeblichen Wirtschaftswunder teilzuhaben. Schnell wird beim Betrachten klar: Man weiß eigentlich gar nichts über China.

Der junge Filmemacher David Borenstein zeigt einen entgleisten Kapitalismus, der dazu führt, dass es mittlerweile Städte gibt, die in Privatbesitz sind. Einer Person gehört bis hin zur Strom- und Wasserversorgung eine komplette Stadt. Und alle finden das toll. So komisch und grotesk viele Szenen sind, der Film denunziert nie, sondern porträtiert mit zunehmender Nachdenklichkeit eine spirituell entkernte Gesellschaft, die versucht, die entstandene Leere mit Geld aufzufüllen. Das Lachen über den Wahnsinn bleibt einem öfter im Hals stecken – der „Markt“ dominiert ja auch bei uns die Diskussion.

Es stimmt eben, was in den Reden bei der Eröffnungszeremonie des Festivals anklang: Dokumentarfilme können Orientierung bieten durch den Wechsel der Perspektive und den Blick auf Existenzen, die wir gerne ignorieren, um weiter einfache Antworten auf schwierige Fragen geben zu können. zoran gojic

Bis 14. Mai,

Informationen unter www.dokfest-muenchen.de.

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