KAROLINE HERFURTH GLÄNZT IN DER VERFILMUNG VON OTFRIED PREUßLERS KLASSIKER – EIN GESPRÄCH ÜBER DIE MACHT DER MÄRCHEN

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Die Fallhöhe war ihr bewusst. Die kleine Hexe in der Verfilmung von Otfried Preußlers gleichnamigem Kinderbuchklassiker zu spielen – eine Herausforderung.

Der sich Karoline Herfurth mit Freuden gestellt hat. „Das ist ein Stück deutscher Kulturgeschichte – es ist mir eine Ehre, das spielen zu dürfen“, erzählt die 33-jährige Schauspielerin im Interview. Die zierliche gebürtige Ost-Berlinerin, die schon als Teenager mit Filmen wie „Crazy“ und „Mädchen, Mädchen“ und seither auch in internationalen Produktionen wie „Das Parfum“ Erfolge feierte, ist für die kleine Hexe nicht nur äußerlich die Idealbesetzung.

-Im Film heißt es einmal: „Man muss einiges tun, um eine gute Hexe zu sein.“ Was war für Sie das Schwierigste daran, zu dieser guten Hexe zu werden?

Für mich war die größte Frage, wie man eine Kindlichkeit herstellen kann. Die kleine Hexe ist zwar „schon“ 127 Jahre alt – aber in ihrer Welt damit noch sehr jung. Ich wollte, dass man mir das Kind abnimmt, ohne dass es albern oder kindschig wird. Das war ein schmaler Grat.

-Gerade wenn die echten Kinder dazukommen, merkt man, wie toll Ihnen das gelungen ist.

Ja, das war tatsächlich die große Prüfung: Nimmt man mir das noch ab, wenn echte Kinder neben mir stehen? Oder sieht man da die erwachsene Frau, die ein Kind spielt? Was half, war, dass sie ein fantastisches Wesen ist und nicht nur ein Kind, sondern doch noch die kleine Hexe. Und natürlich die aufgeklebte Nase. (Lacht.)

-Und wie schwer fiel es Ihnen, sich all die Zaubersprüche zu merken?

Oh Mann, ja, die Zaubersprüche! Die habe ich wirklich endlos gepaukt. So sehr, dass sie mir gar nicht mehr aus dem Kopf gehen.

-Ein Beispiel?

Das Bu-Fu-Ba-Fu finde ich total süß. Man sollte allen Kindern empfehlen: „Wenn jemand doof ist, sag’ ihm ,Bu-Fu-Ba-Fu, jetzt auf gleich, fahre ein ins Krötenreich!‘“ Das wäre doch niedlich, wenn alle Kinder das künftig beherzigen würden!

-Otfried Preußler hat sehr fantasievoll geschrieben. Es gab die Diskussion, politisch unkorrekte Wörter wie „Negerlein“ aus seinem Werk zu streichen. Finden Sie das richtig?

Ja, weil Sprache eine große Macht hat. Wenn ich als erwachsener Mensch mit einer Bildung Worte in solchem Kontext lese, dann kann ich das einordnen. Doch ich finde, dass sich bestimmte Wörter und dahinterstehende Einstellungen nicht unterbewusst in Kinderköpfe einpflanzen dürfen. Als Gesellschaft sollten wir eine Aufmerksamkeit für die Macht von Sprache entwickeln. Ich habe vor Kurzem „Ronja Räubertochter“ mal wieder gelesen und da dachte ich: Halleluja, da sind Wörter drin, das ist harter Tobak!

-Andererseits haben wir das als Kinder gelesen und auch keinen Schaden davongetragen...

Nein, aber wenn es beispielsweise um Stereotypen geht, darf man den Einfluss von Literatur nicht unterschätzen. Für mich persönlich war es kein Leichtes, Geschlechterrollen in meinem Kopf aufzubrechen. Das war ein Weg, und der hat bestimmt mit meiner Prägung als Kind zu tun. Ich weiß noch, als mein Vater mich fragte, was ich denn mal werden wolle. Ich: „Ich will Arzt werden.“ Darauf er: „Na ja, Ärztin.“ Als ich mein Soziologiestudium begann (Herfurth studiert nebenher Politik und Soziologie; Anm. d. Red.) fand ich diese ganzen Gender-Formen wahnsinnig übertrieben. Doch nun, nach zehn Jahren Studium, ist es so, dass die Professoren an meinem Institut diese Form ganz selbstverständlich gebrauchen – und ich mich als Frau viel stärker inkludiert fühle. Natürlich bleibt immer die Gefahr der Übertreibung oder Überkorrektur, aber ein Bewusstsein dafür zu schaffen, finde ich sehr wichtig.

-Komisch, dass so viele Frauen sagen: Das ist doch albern, lass uns das lassen.

Das finde ich nicht komisch, das finde ich erschreckend. Klar, Gewohnheiten aufzubrechen, Rollen aufzubrechen, Gesellschaft aufzubrechen ist immer anstrengend und mit Unsicherheiten verbunden – und da haben auch viele Frauen keine Lust drauf.

-Kann die „Kleine Hexe“ hier Vorbild sein? Am Ende ist es eine Emanzipationsgeschichte, weil sie nach und nach erkennt, welche Stärke in ihr liegt.

Ich fänd’s gut, wenn sie ein Vorbild für alle Kinder wäre, egal, welchen Geschlechts.

-Aber entspricht sie nicht vor allem Zuschreibungen, die die Gesellschaft für Weiblichkeit hat? Sie ist hübsch, rein ...

Genau. Und dann sagt sie auf einmal „Stopp!“ und emanzipiert sich. Sie wird stark und sogar ein bisschen böse. Diese Rollenzuschreibungen für die Geschlechter finde ich gar nicht klug. Frauen können auch schuldig, böse und durchsetzungsfähig sein.

-So wie die kleine Hexe nach und nach. Natürlich kommt ihr dabei auch die Zauberkraft zugute.

Stimmt, doch ich glaube, dass die Kinder verstehen, dass böse Hexen auch ohne Zauberei besiegt werden können. Hexen stehen in Märchen für diffuse Ängste, die Kinder noch nicht einordnen können. Je älter sie werden, desto bedrohlicher wird die Welt. Denn jede Selbstständigkeit bedeutet Eigenverantwortung und damit eine gewisse Bedrohlichkeit. In unserem Märchen finde ich besonders schön, dass das Böse aus der Hexen-Welt heraus besiegt wird. Das heißt: Aus der bösen Welt heraus kann etwas verändert werden. Man kann lernen, mit Ängsten umzugehen. Man kann die Welt verändern.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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