LYNNE RAMSAY ÜBER IHREN FILM „A BEAUTIFUL DAY“, DIE ARBEIT MIT JOAQUIN PHOENIX UND DIE INTELLIGENZ DES PUBLIKUMS

Eine knallharte Träumerin

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Schon mit ihrer Abschlussarbeit an der Filmhochschule gewann die schottische Drehbuchautorin und Regisseurin Lynne Ramsay bei den Festspielen in Cannes den Preis für den besten Kurzfilm.

Seitdem wurden alle ihre Filme mit Preisen überhäuft, allen voran das Familiendrama „We need to talk about Kevin“ mit Tilda Swinton, das 2011 von Kritikern zum besten Film des Jahres gewählt wurde. Übermorgen kommt ihr Thriller „A beautiful Day“ in die Kinos. Joaquin Phoenix verkörpert darin einen traumatisierten Söldner, der ein Mädchen aus den Fängen eines Kinderhändler-Rings befreien will. Phoenix wurde dafür in Cannes als bester Darsteller prämiert, Lynne Ramsay für das beste Drehbuch. Beim Festival von San Sebastián trafen wir die quirlige 48-jährige Filmemacherin zum Gespräch.

-Sie haben ursprünglich Fotografie und Kameraführung studiert. Sind Sie eine Nervensäge für Ihre Kameramänner, weil Sie alles besser wissen?

Hoffentlich nicht! Ich glaube, Kameraleute wissen es zu schätzen, dass ich mich in ihrem Bereich auch auskenne. Von Anfang an arbeite ich eng mit ihnen zusammen: Bei der Vorbereitung auf „We need to talk about Kevin“ habe ich wochenlang bei meinem damaligen Kameramann daheim auf dem Fußboden geschlafen, und vor den „A beautiful Day“-Dreharbeiten war mein jetziger Kameramann wochenlang bei mir zu Gast. Kino ist Teamarbeit.

-Ihre Filme behandeln düstere Themen. Herrscht am Set entsprechend dicke Luft?

Nein, ich sorge dafür, dass sich alle fühlen wie in einer freundlichen, fröhlichen Familie. Nur in einer solchen Atmosphäre lassen Schauspieler ihre Hemmungen fallen. Wir arbeiten konzentriert, aber danach wird gemeinsam gekocht, gesungen, geflucht und gelacht. Mit Joaquin Phoenix ging das wunderbar. Wir haben uns sogar gegenseitig Streiche gespielt. Ein wirklich witziger Typ – er sollte unbedingt Komödien drehen!

-Er hat erzählt, dass Sie am ersten Drehtag aus Solidarität mit ihm ins Wasser gegangen sind.

Ja, wir haben in einem versifften russischen Badehaus in New York gefilmt; Joaquin musste in ein Becken steigen, in dem zuvor offenbar schon viele verschwitzte Körper gewesen waren – das Wasser sah richtig widerlich aus. Bein Hineinsteigen schaute Joaquin so geschockt, dass ich einfach wissen wollte, wie sich das anfühlte. Und ich stellte fest: Es war schweinekalt, wie in einem Eissee. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand zehn Espressi intravenös verabreicht.

-Joaquin Phoenix wirkt in Interviews oft ziemlich durchgeknallt. Wie war die Arbeit mit ihm?

Berauschend. Er ist eine Urgewalt. Er geht mit totaler Hingabe ans Werk, seziert seine Filmfigur bis auf die Knochen und überrascht dich immer wieder mit neuen Ideen. Dabei verfällt er nie in Klischees, sondern bleibt stets authentisch. Leute wie ich, die aus einem Arbeiterviertel von Glasgow kommen, haben feine Bullshit-Antennen: Wir merken sofort, wenn uns jemand was vormacht. Joaquin hat das auch. Laut Drehbuch sollte er bei der Arbeit Handschuhe tragen, doch er meinte: „Bullshit! Weg mit all dem überflüssigen Kram – lass uns zum Kern dieser Figur vordringen!“

-Wie würden Sie diesen Kern beschreiben?

Für mich fühlt es sich so an, als wäre im Kopf dieses Mannes ein Haufen Glasscherben. Es ist ein zutiefst traumatisierter, selbstmordgefährdeter Typ, der noch bei seiner Mutter wohnt und wie ein Geist durch sein eigenes Leben spukt. Rachethriller sind üblicherweise bevölkert von coolen, fast übermenschlichen Macho-Helden mit perfektem Waschbrettbauch, die das Mädchen retten. Wir wollten hingegen einen Menschen zeichnen, der zugleich verletzlicher und verstörender wirkt als diese Abziehbilder. Letztlich ist es in „A beautiful Day“ das Mädchen, das ihn rettet. Als Filmemacherin komme ich mir oft vor wie eine Psychologin: Es geht darum zu erforschen, wie unser faszinierendstes Organ funktioniert – das Gehirn.

-Wie in allen Ihren Filmen sind die Dialoge hier aufs Nötigste reduziert.

Ja, ich mag Dialoge vor allem dann, wenn die Körpersprache etwas anderes verrät als die gesagten Sätze. Nachdem ich von der Fotografie komme, denke ich stets in Bildern und bin besessen von Details, die auch ohne Worte viel erzählen. Ich glaube an die Intelligenz des Publikums, das die Puzzleteile selbst zusammenfügen kann. Und wenn ich eine Kinokarte kaufe, erwarte ich keine langweilige Fernsehästhetik, sondern ein echtes Filmerlebnis mit starken Bildern und tollem Sound. Für mich sind Filme in gewisser Weise wunderschöne, dunkle Traumsequenzen. Man könnte mich also eine Träumerin nennen. Aber wenn es um die Verwirklichung meiner Visionen geht, kann ich auch knallhart realistisch sein – und zäh wie ein alter Stiefel! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare