PSYCHOLOGE ALFRED GEBERT ÜBER DIE VERBINDUNG JUNGER UND ALTER FANS ZU PUMUCKL UND DEN EINFLUSS LITERARISCHER FIGUREN

„Eine ganz große Liebesbeziehung“

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Gespräch zur Gärtnerplatz-Premiere . Von Katja Kraft.

Hurra, hurra, der Pumuckl ist da! Ab morgen treibt der feuerrothaarige Klabautermann seine Streiche im Münchner Gärtnerplatztheater. Im gleichnamigen Musical, das Regisseurin Nicole Claudia Weber gemeinsam mit Komponist Franz Wittenbrink auf die Bühne bringt. Obwohl als Kinder- und Jugendaufführung deklariert, darf man gewiss sein, dass bei den Abendvorstellungen auch allerlei Eltern und Großeltern in den Theaterreihen sitzen werden. Denn den Pumuckl haben alle gern. Diesen frechen kleinen Kerl, der nur Schabernack im Kopf hat? Warum mögen ihn eigentlich alle?

Alfred Gebert, Psychologieprofessor aus Münster, hat sich mit den literarischen Helden der Kinderliteratur befasst. Und dabei auch mit dem Kobold, den die Münchnerin Ellis Kaut 1962 erfand, damals für ein Hörspiel im Bayerischen Rundfunk. Dass darauf bald eine Fernsehserie folgte, die genauso ein Kassenschlager wurde wie die Kassetten und Bücher, habe einen guten Grund, sagt Gebert im Gespräch mit unserer Zeitung: „Der Pumuckl verkörpert all das, wovon Kinder träumen: sich zu verstecken, unsichtbar zu sein und vor allem – das ist das Tollste – die Erwachsenen zu belauschen, ohne dass sie das mitbekommen.“

Gleichzeitig atmen die Geschichten um Meister Eder und seinen kleinen Schützling den Geist der Achtundsechziger. Denn obwohl der Schreinermeister sich bemüht, den Pumuckl zu erziehen, tut er das doch stets mehr laissez-faire als autoritär. Und wenn man sich in seiner Werkstatt so umschaut, herrscht da ein kreatives Chaos, wie man es heute kaum mehr findet. „Wo gibt’s denn das noch“, sagt Gebert, „eine Werkstatt, wie sie der Franz Eder hat? So unaufgeräumt, wo überall Kleister herumsteht.“ Hier werde noch repariert und nicht gleich weggeworfen und ausgetauscht. Hier sei nichts steril wie in großen Fabriken, sondern diese Schreinerei sei ein Ort, in dem Leben stecke. „Ein Sehnsuchtsort, wie wir ihn alle aus unserer Kindheit kennen. Wie der Schuppen vom  Opa  oder der Garten der Oma. Das verbinden wir mit  Gerüchen,  die  uns an unvergessliche Erlebnisse erinnern.“

Der heute 74-Jährige hat vor einigen Jahren mit seinen Studenten eine repräsentative Studie durchgeführt. Die Frage: Wer sind die literarischen Helden der Kindheit der Deutschen? Das Ergebnis: Bei den Mädchen liegt ganz vorn Pippi Langstrumpf, bei den Buben – der Pumuckl. Und das hat durchaus Einfluss auf die charakterliche Entwicklung der jungen Leser. „Gerade bei den Frauen, die in ihrer Kindheit ,Pippi Langstrumpf‘ begeistert gelesen oder die Verfilmungen gesehen haben, zeigte sich, dass sie selbst im Erwachsenenalter sehr selbstständig und selbstbewusst auftraten“, erzählt Gebert. Klar wisse jedes Kind, dass ein Mädchen kein Pferd hochheben könne wie Pippi ihren Kleinen Onkel – doch dass sie alleine lebe und so enge Freundschaften pflege, habe Vorbildfunktion für die jungen Leserinnen.

Aber reicht das? Wird jedes Mädchen zu einer emanzipierten, eigenständigen Frau, nur weil es Astrid Lindgrens Geschichten um die rothaarige Amazone gelesen hat? Spielt nicht das Vorbild der Eltern eine prägendere Rolle? Da widerspricht der Psychologieprofessor. „Ich stelle oft fest, dass unsere Gedanken stärker sind als die Wirklichkeit.“ Literatur könne am Ende immer auch ein Lösungsansatz sein für alternative Lebenswege, die einem in seinem sonstigen Umfeld nicht vorgelebt würden.

Der Münsteraner hat sich ebenfalls intensiv mit Märchen auseinandergesetzt. Die kommen bekanntlich oft recht brutal daher. Da werden die Kinder im Wald ausgesetzt oder fallen in den Brunnen. Das Interessante: Themen, bei denen den Erwachsenen oft die Sorge erfüllt, was das bei Kindern auslösen könnte, nehmen diese gelassen hin. Entscheidend sei die Auflösung in Wohlgefallen. „So lernen die Kinder: Zum Schluss geht alles gut aus. Das gibt ihnen eine Sicherheit und Optimismus fürs Leben.“

Wie bei Pumuckl und seinem Meister Eder. Denn mögen die beiden häufig aneinandergeraten, weil der kleine Frechdachs einen Streich gespielt hat, am Ende finden sie wieder zusammen. Gebert: „Die Auflösung beim Pumuckl ist immer eine ganz große Liebesbeziehung. Die Quintessenz, die bleibt: Mit Liebe kann man alles lösen – dann ist man zusammen glücklich. Kann es eine schönere Botschaft geben?“

Informationen:

Premiere diesen Donnerstag, 18 Uhr, Gärtnerplatztheater. Die Vorstellungen laufen bis zum 23. Juli. Karten: 089/ 21 85 19 60.

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