DIE BERLINER SCHAUSPIELERIN DAGMAR MANZEL ÜBER POLITKRIMIS, RECHTES GEDANKENGUT UND IHR PERSÖNLICHES LEBENSMOTTO

Eine Ermittlerin an ihren Grenzen

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Interview zum neuen Franken-„Tatort“ . Ein aus Libyen stammendes Geschwisterpaar – gut integriert – wird in einem Haus in Nürnberg erschlagen aufgefunden.

Ihr Ziehsohn ist verschwunden. Hat er etwas mit der Tat zu tun? Wurde er ebenfalls ermordet? In seinem vierten Fall ermittelt das Team des Franken-„Tatort“ am kommenden Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten im rechtsradikalen Milieu. „Ich töte niemand“ – so der Titel dieser Folge – wird vor allem für Kommissarin Paula Ringelhahn, gespielt von Dagmar Manzel, zur emotionalen Berg-und-Talfahrt.

-Es geht um Gewalt gegen und durch Migranten – ein geeignetes Thema für einen Krimi?

Es ist ein politischer „Tatort“ – und das finde ich gut so. Man muss sich nur mal in unserem Land umschauen, dann sieht man, wie sehr die Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten zugenommen hat. Da geht es um Werte wie „Ehre“, die zunächst mal positiv besetzt sind, dann pervertiert werden und plötzlich Gewalt rechtfertigen sollen. Ich fand diesen Krimi so interessant, weil er auf beiden Seiten Schicksale bis ins Detail ausleuchtet und versucht zu erzählen, wie es zu dieser Gewalt kommt. Für mich ist es wichtig, dass in einem „Tatort“ nicht nur der Fall gelöst wird, sondern er sich auch mit der gesellschaftlichen Situation auseinandersetzt, in der wir uns befinden.

-Manchen Zuschauern ist das, so scheint es, zu viel Politik. Sie beklagen sich, von den öffentlich-rechtlichen Sendern belehrt, erzogen oder sogar „umerzogen“ zu werden...

Aber das Spannende an diesem „Tatort“ ist ja, dass er zeigen will, dass die eine Seite nicht nur böse und die andere nicht nur gut ist. Ich finde ihn nicht belehrend, sondern ganz und gar beunruhigend.

-Worin bestand für Sie selbst die besondere Herausforderung in diesem Krimi?

Ich spiele eine Ermittlerin, die auf der einen Seite versucht, einen Mord aufzuklären, und auf der anderen Seite durch den Tod eines Kollegen emotional in den Fall involviert ist. Das bringt sie an ihre Grenzen. Das ist sicher das Extremste, was man bisher von Paula Ringelhahn gesehen hat.

-Es geht unter anderem auch um einen Polizisten, der im Verdacht steht, in rechten Kreisen zu verkehren – haben Sie in Ihrem Beruf die Erfahrung gemacht, dass Kollegen sich fremdenfeindlich äußern?

Ich arbeite ja vorwiegend an der Komischen Oper in Berlin, und da sind Menschen aus allen Kontinenten beschäftigt. Wenn da nicht alle Mitarbeiter eine zutiefst humanistische Grundhaltung hätten, Respekt vor anderen Nationalitäten und Religionen, dann würde dieser Betrieb gar nicht funktionieren.

-Würden Sie sagen, dass Theater und Musiktheater Räume sind, in dem es solches Gedankengut nicht gibt?

Das gibt es bestimmt, allerdings stelle ich es mir schon schwierig vor, es zu kaschieren. Die Beschäftigung mit den komplexen historischen und politischen Stoffen am Theater zwingt ja dazu, Position zu beziehen. Da kann man sich nicht verstecken.

-Sie sind in der damaligen DDR aufgewachsen, haben ein paar Jahre in Dresden gelebt, kennen die ostdeutsche Mentalität – was ist aus Ihrer Sicht der Grund, dass so viele im Osten sich der AfD nahe fühlen?

Die Gründe sind die gleichen wie im Westen – Unzufriedenheit, Frust. Viele sehen sich von der Politik nicht wahrgenommen. Und jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, und die Leute wählen die AfD. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten nicht so rechts sind, wie sie sich geben. Aber es ist fatal, dass es in Dresden, einer wunderschönen Stadt, die auf Touristen aus aller Welt angewiesen ist, so viel Hass auf Ausländer gibt. Trotzdem muss man mit den Menschen im Dialog bleiben – was nicht ausschließt, dass da, wo Straftaten begangen werden, mit der vollen Härte des Gesetzes reagiert wird.

-Sie haben als Paula Ringelhahn in einer Szene einen Dialog mit dem Kollegen Felix Voss, in dem Sie sagen: „Gucken Sie nicht zu tief in die Dinge, sonst gucken die zurück!“ Ist das auch Ihr persönliches Motto?

Das ist zunächst einmal die Haltung der Paula Ringelhahn, aber ich kann das gut nachvollziehen. Man sollte schon kritisch zurückschauen aufs eigene Leben, aber wer nur den verpassten Gelegenheiten nachtrauert, wird handlungsunfähig. Die Paula ist ein lebensbejahender Mensch, und das hat natürlich viel mit mir zu tun. Wer keine Fehler macht, kann nichts aus ihnen lernen.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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