„Eine Ausstellung in Bayern wäre schön“

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Die Verwandten von Cornelius Gurlitt legen ihre Pläne für den Fall offen, dass das Kunstmuseum Bern das Erbe ablehnt. Von Carina Lechner.

Cornelius Gurlitt war ein Einsiedler. Er verschanzte sich in seiner Wohnung in Schwabing, und pflegte nur mit wenigen Menschen Kontakt. Seinen Schwager siezte er, die Hochzeit seiner Schwester wollte er angeblich verhindern – damit sie sich nur um ihn kümmern konnte. Seine restlichen Verwandten traf er früher selten, in den letzten Jahren gar nicht mehr. Doch jetzt, ein gutes halbes Jahr nach dem Tod des 81-Jährigen, spielt Gurlitts Familie doch noch eine Rolle: Sie gibt bekannt, was mit den 1500 Kunstwerken passieren soll, wenn die Verwandten erben. Die Offensive der Familie kommt überraschend.

Es war der 9. Januar dieses Jahres, als Cornelius Gurlitt seine Unterschrift unter sein Testament setzte. Der kleine Mann mit der feinen Stimme war geschwächt vom Trubel um seine Person und um seine Bilder. Die Ärzte mussten ihn am Herzen operieren, und seit Weihnachten befand er sich unter gesetzlicher Betreuung, das hatte das Amtsgericht München verfügt. In seinem Nachlass bestimmte er also, dass die Sammlung an die Stiftung des Kunstmuseums Bern gehen soll – zur Überraschung der Schweizer. Die Nachricht sei „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ eingeschlagen, da zuvor keinerlei Kontakt mit Gurlitt bestanden habe, teilte das Museum nach der Testamentseröffnung mit. Es heißt, Gurlitt habe die Berner als Erben bestimmt, um deutschen Behörden ein Schnippchen zu schlagen. Dass die Staatsanwaltschaft ihm seine geliebten Bilder weggenommen hatte, hatte ihn schwer getroffen.

Seit einem halben Jahr prüft Bern nun schon, ob die Stiftung das Erbe annimmt. Man wolle nicht verhehlen, hatte die Museumsleitung mitgeteilt, dass das großartige Vermächtnis eine erhebliche Verantwortung und eine Fülle schwierigster Fragen aufbürde. Denn unter den Kunstwerken befindet sich NS-Raubkunst. Wie groß deren ist, ist umstritten: Noch forscht eine Expertengruppe, die Taskforce. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, jedoch hatte dem Museum kürzlich mit einer „Lawine von Prozessen“ gedroht, sollte es das Erbe annehmen.

Schlägt Bern den Nachlass tatsächlich aus, geht die Sammlung an die beiden gesetzlichen Erben: an Uta Werner, die 86 Jahre alte Cousine, und Dietrich Gurlitt, den 95-jährigen Cousin, einem pensionierten Geologen. Kurz nach Testamentseröffnung begrüßten die beiden Gurlitts letzten Willen. Allerdings schien sich die Familie nicht einig gewesen zu sein: Dietrich Gurlitts Sohn Ekkehart hatte damals geäußert, dass die Werke in Bayern bleiben sollten.

Jetzt die Kehrtwende von Cousine und Cousin. Die beiden und ihre Angehörigen wollen nicht in der Öffentlichkeit stehen. Das Medieninteresse, das über ihren Verwandten hereingebrochen war, hatte die Familie schockiert. Der Münchner Anwalt Wolfgang Seybold teilte für die Familien gestern mit, dass sie sich der Verantwortung, die mit dem Erbfall verbunden wäre, zu 100 Prozent stelle. So spreche sich die Familie für eine sofortige und bedingungslose Rückgabe von Raubkunst aus. Man werde alle in ihrer Macht stehende Schritte unternehmen, um Raubkunst unverzüglich und ohne Gegenleistung den einstigen Eigentümern beziehungsweise deren Erben zurückzugeben. Die Taskforce soll die Schwabinger und Salzburger Bilder weiter untersuchen, sämtliche Bilder der Sammlung sowie alle Geschäftsunterlagen von Hildebrand Gurlitt würden zeitnah im Internet veröffentlicht. Und die rund 480 Werke „Entarteter Kunst“ sollen der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich gemacht werden: „Es wäre schön, wenn die Sammlung in Bayern ausgestellt werden würde“, so Anwalt Seybold auf Nachfrage.

Möglicherweise handelt die Familie aus verletztem Stolz. Mehrere Politiker und Kunsthistoriker hatten ihre Freude darüber zum Ausdruck gebracht, dass Bern erben soll. „Die Befürchtungen, dass die Aufarbeitung des Falls versickert, wenn die Familie Gurlitt die Sammlung erbt, sind falsch“, betont der Anwalt. Möglicherweise geht es auch um die Ehrrettung der Familie. Der Name Gurlitt ist seit dem Kunstfund eng mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten verbunden. Die Mutter von Uta Werner und Dietrich Gurlitt jedoch war selbst Jüdin, musste sich jahrelang vor den NS-Schergen verstecken – ohne ihre Kinder. Die Erben selbst durften als Halbjuden nicht zur Schule gehen.

Unabhängig von der Berner Entscheidung wollen sich Gurlitts Verwandte dem letzten Willen des 81-Jährigen widmen: „Das Testament wird auf seine Wirksamkeit überprüft“, bestätigte Seybold.

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