JAMES FRANCO, REGISSEUR UND HAUPTDARSTELLER VON „THE DISASTER ARTIST“, ÜBER DEN „BESTEN SCHLECHTESTEN FILM ALLER ZEITEN“

Eine Aushilfe für Hollywood

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Nie ohne seine Sonnenbrille: James Franco als Tommy Wiseau in „The Disaster Artist“. Foto: Justina Mintz/ Warner

Interview zum Kinostart . Es ist eine launige Komödie über ein lausiges Drama, die am Donnerstag in unsere Kinos kommt: „The Disaster Artist“ von und mit Hollywoods Multitalent James Franco schildert den Dreh von Tommy Wiseaus unfreiwillig komischem Schundklassiker „The Room“, der als „bester schlechter Film aller Zeiten“ Kultstatus erlangte.

Franco ist Regisseur, Produzent dieses Films, und er spielt Wiseau – dafür wurde er mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Kurz danach sah sich der 39-Jährige mit alten, aber auch neuen Vorwürfen der Nötigung und Belästigung konfrontiert. Franco weist die Aussagen mehrerer Frauen als „nicht korrekt“ zurück. Wir haben beim Filmfestival von San Sebastián mit Franco gesprochen, als die Anschuldigungen noch nicht im Raum standen. Da die Unschuldsvermutung gilt, haben wir entschieden, das Interview zu drucken.

-Warum wollten Sie „The Disaster Artist“ verfilmen, Greg Sesteros Buch über die Entstehung von „The Room“?

Es geht darin nicht nur um die skurrilen Dreharbeiten eines untalentierten Filmemachers, sondern auch um die Freundschaft zwischen Tommy Wiseau und Greg Sestero, zwei erfolglosen Schauspielern, die permanent mit Ablehnung konfrontiert werden und daraufhin beschließen, gegen alle Widerstände ihr eigenes Ding durchzuziehen. Das heißt, neben einer völlig verrückten, einzigartigen Hollywoodstory gab es eine anrührende, allgemeingültige Geschichte, mit der sich jeder identifizieren kann, der je versucht hat, seine Träume zu verwirklichen.

-Wurden Sie in Ihrer Laufbahn auch mit Ablehnung konfrontiert?

Natürlich. Vor allem zu Beginn. Deshalb ist „The Disaster Artist“ auch ein so persönliches Anliegen für mich: Weil der Film meine eigenen Anfänge in Hollywood reflektiert. Ich war nach Los Angeles gezogen, um Anglistik zu studieren, verließ die Uni jedoch nach einem Jahr, weil ich unbedingt Schauspieler werden wollte. Meine Eltern glaubten nicht an mich, strichen mir sofort die finanzielle Unterstützung und meinten: „Sieh zu, wo du bleibst!“ Ich fand nicht einmal einen anständigen Job als Kellner, sondern musste monatelang nachts als Aushilfe bei McDonald’s schuften, bis ich schließlich einen Werbespot für Pizza Hut drehen durfte. Als mittelloser Schauspieler kämpfst du ständig ums Überleben. Darum verstehe ich Tommy sehr gut.

-Hat man Sie auch öffentlich für einen Film verhöhnt wie Tommy für „The Room“?

Nein, gar so schlimm ist es mir nie ergangen. Aber manche meiner Filme haben einige Leute wirklich gehasst. Als Schauspieler bist du in einer frustrierenden Lage: Du kannst eine perfekte Arbeit abliefern, und trotzdem ist der fertige Film vielleicht unter aller Sau, weil irgendwelche Deppen im Team Mist bauen.

-Was war für Sie die größte Herausforderung bei „The Disaster Artist“?

Nicht in die Parodie-Falle zu tappen. Ich wollte mich auf keinen Fall über Tommy und Greg lustig machen, wollte den beiden Träumern nicht ihre Würde rauben und mich ihnen nicht mit dem herablassenden Blick eines Hollywood-Insiders nähern. Ich wollte sie als Künstler ernst nehmen und ihren Kampf um Anerkennung mit großer Sympathie schildern. Denn letztlich führen wir alle diesen Kampf – die beiden gehen bloß auf besonders durchgeknallte Weise an die Sache heran.

-Allerdings hat sich Tommy am Set von „The Room“ offenbar wie ein Tyrann aufgeführt.

Ja, aber das lässt sich durch seine Vergangenheit erklären: Sein ganzes Leben lang hat man ihm ein „Nein“ nach dem anderen entgegengeschleudert. Der Einzige, auf den er sich stets verlassen konnte, war er selbst. All das steckt so tief in ihm drin, dass er die Fähigkeit verloren hat, auf andere zu hören.

-Und wie ist das bei Ihnen? Sind Sie als Regisseur auch ein Diktator?

Im Gegenteil! Ich komme ja von der Schauspielerei und weiß, was es bedeutet, Regieanweisungen zu bekommen. Also versuche ich, meine Darstellerkollegen so zu behandeln, wie ich es selbst auch genießen würde. Film ist Teamarbeit, und deshalb umgebe ich mich gern mit Leuten, denen ich vertraue. An unserem Set ist keiner der Boss; jeder aus dem Team darf Vorschläge machen, und die beste Idee gewinnt.

-Finden Sie, dass Hollywood mehr Filme über Loser vertragen könnte?

Ich würde Tommy nicht unbedingt als Loser bezeichnen. Sicher, er ist absolut untalentiert, nicht teamfähig und neigt zur totalen Selbstüberschätzung. Andererseits muss man schon anerkennen, dass er es trotz heftigster Gegenwehr geschafft hat, „The Room“ auf die Beine zu stellen – als Autor, Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller. Und dieser Film hat sich zu einem echten Kultphänomen entwickelt: Noch heute, fast 15 Jahre später, läuft er in Kinos auf der ganzen Welt.

-Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Ich glaube, die Zuschauer spüren, dass Tommy seine ganze Leidenschaft und sein Herzblut in diesen Film gesteckt hat. Er wollte ein tragisches Meisterwerk im Stil eines Tennessee-Williams-Dramas schaffen und hoffte ernsthaft auf eine Oscar-Nominierung. Dazu kam es natürlich nicht. Aber seine künstlerische Ambition unterscheidet „The Room“ fundamental von anderen Trashfilmen.

-Hat Tommy Wiseau eigentlich „The Disaster Artist“ gesehen?

Ja. Ich hatte schon befürchtet, er würde daraufhin einen Wutanfall bekommen, denn unser Film basiert ja auf Gregs Buch, und Tommy mochte das Buch überhaupt nicht, weil es, wie er sich ausdrückte, „nur zu 40 Prozent wahr“ sei. Aber nach der Vorführung meinte er, dass er dem Film „zu 99,9 Prozent“ seinen Segen geben könne.

-Warum nicht zu 100 Prozent?

Das habe ich ihn auch gefragt. Ich dachte, er würde sich vielleicht beklagen, dass er bestimmte Sätze in Wirklichkeit nie gesagt hätte. Aber stattdessen monierte er nur, die Ausleuchtung mancher Szenen sei mies gewesen. Im selben Moment wurde mir bewusst, dass Tommy wie immer eine Sonnenbrille trug...

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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