RUSSISCHE AFFÄRE

„Ein Regisseur wird mundtot gemacht“

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Kirill Serebrennikov steht derzeit unter Hausarrest, zugleich gilt ein Kommunikationsverbot. foto: Alexander Zemlianichenko/ dpa

Kulturstars unterstützen Aktion für Kirill Serebrennikov – Stuttgarter Oper hält an seiner Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ fest

von markus thiel

Die Affäre um den russischen Regisseur Kirill Serebrennikov und seine dubiose Verhaftung zieht weitere Kreise. Auf rund 6000 Namen ist die Unterstützerliste für ihn angewachsen. Initiiert wurde die Online-Aktion von Thomas Ostermeier, Regisseur und Leiter der Berliner Schaubühne, sowie von dem Autor Marius von Mayenburg. Die Vorwürfe gegen Serebrennikov seien „unhaltbar und lassen erkennen, dass hier ein international renommierter Regisseur mundtot gemacht werden soll“, heißt es in diesem im Internet verbreiteten Text.

Die Erstunterzeichner zählen zum Who’s Who der Kulturszene. Darunter finden sich die Regisseurinnen Marion Ade und Andrea Breth, die Schauspieler Josef Bierbichler, Lars Eidinger, Nina Hoss und Cate Blanchett, Pianist Igor Levit, die Dirigenten Vladimir Jurowski und Teodor Currentzis sowie die Intendanten Barrie Kosky, Jürgen Flimm und Jossi Wieler.

Wie berichtet, soll Serebrennikov an Wielers Stuttgarter Staatsoper die Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel“ inszenieren. Die Premiere ist am 22. Oktober, der gegen ihn verhängte Hausarrest inklusive Kommunikationsverbot gilt aber bis 19. Oktober. Die Proben in Stuttgart beginnen trotzdem am 18. September. Die Arbeit wird nach Serebrennikovs Aufzeichnungen und Hinweisen geführt. Überdies, so teilte Opernsprecher Thomas Koch auf Anfrage mit, seien Mitglieder von Serebrennikovs Team dabei.

„Es war ausdrücklich von ihm gewünscht, dass seine Arbeit in Stuttgart fortgesetzt wird“, sagt Koch. Man könne nach diesen Vorfällen in Russland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, künstlerische Arbeit sei grundsätzlich nicht austauschbar. Dass etwa Intendant Jossi Wieler, selbst renommierter Regisseur, die Produktion übernimmt, habe nie zur Debatte gestanden. „Wir hoffen dennoch, dass die Angelegenheit noch zu einem guten Ergebnis führt“, meinte Koch. Denkbar sei, dass Serebrennikov wenigstens zur Premiere komme – wobei noch offen sei, ob Russland ihn überhaupt ausreisen lasse.

Bekanntlich wird Serebrennikov unter anderem vorgeworfen, Gelder mittels einer nie stattgefundenen Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ veruntreut zu haben. Videoaufnahmen, Rezensionen, Zuschauerberichte, Gastspiele in Riga und Paris, eine Nominierung für den Russischen Nationaltheaterpreis „Goldene Maske“ und der Spielplan des Gogol Centers in Moskau beweisen allerdings das Gegenteil. Serebrennikov drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis – eine Willkürmaßnahme, wie allgemein kritisiert wird.

Nicht nur auf offiziellem Wege wird derzeit protestiert. Gleichzeitig finden auch Hintergrundgespräche statt. Die russischen Behörden befürchten offenbar, bei einer Ausreisegenehmigung könnte Serebrennikov sein Land endgültig verlassen – eine Situation, wie man sie aus den Höhepunktjahren des Kalten Krieges und den Zeiten des früheren Ostblocks kennt. Andererseits ist Serebrennikov dafür bekannt, dass er die Kollegen und Mitstreiter seines Gogol Centers nicht einfach verlassen möchte. Dieses hat mittlerweile Berühmtheit erlangt als Ort für interdisziplinäre Kunst. Es gibt dort Theater, Film, Musik, Diskussionen und Vorträge, in diesem Jahr waren schon Produktionen über Rainer Werner Fassbinder und Luchino Visconti zu erleben.

Serebrennikov hat sich positioniert als Gegenentwurf zu den „offiziellen“ russischen Staatskünstlern, die sich teilweise im Dunstkreis von Präsident Vladimir Putin bewegen. Der Dirigent Valery Gergiev mit seinem St. Petersburger Mariinsky-Theater gehört dazu, aber auch Sopranistin Anna Netrebko. Damit bekommt die Affäre Serebrennikov eine viel umfassendere Dimension: Im Raum steht die Frage, inwieweit Kulturschaffende dazu verpflichtet sind, die Kunst gegen staatliche Einflussnahme zu verteidigen. Die Unterzeichner des Online-Aufrufs haben für sich eine Antwort gefunden.

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