DER KOMÖDIANTISCHE WORTDRECHSLER KOMMT MIT EINEM NACHDENKLICHEN ALBUM DAHER, DAS SEINE ERNSTE SEITE ZEIGT

„Ein echter Astor – aber eben anders“

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„Es sollte keine Comedy sein, sondern als Seitenprojekt ein echter Astor. Aber eben anders“, sagt Willy Astor über seine neue Platte „Chance Songs“. „Ich wollte einfach ein Album mit Liedern über die Chancen des Lebens machen – daher der Titel.“ Unser Kritiker findet: Es ist ihm gelungen. Foto: Fkn

Willy Astor erscheint guter Dinge zum Interview und wirkt kein bisschen nervös.

Dabei wagt er mit dem Album „Chance Songs“ einen großen Schritt und präsentiert sich mit 55 erstmals als ernsthafter Liedermacher. Astor, der als komödiantischer Wortdrechsler bekannt wurde und später mit Instrumentalmusik Erfolg hatte, wollte einfach mal sehen, wie gut das klappt, wenn er ernstere Texte vertont. „Man muss neugierig bleiben“, meint er achselzuckend und erweist sich als überraschend nachdenklicher Gesprächspartner.

-Wenn man als Sprachkünstler bekannt geworden ist und seit Jahrzehnten Musik macht – wieso hat es so lange gedauert, das zusammenzuführen?

Ich habe das 2003 schon einmal gemacht. „Leuchtende Tage“ hieß die Platte, aber die ist irgendwie sehr schnell in der Versenkung verschwunden. Ich hatte jetzt einfach das Gefühl, dass ich mit Mitte 50 in der Lage bin, relativ unpeinlich meine Gedanken zur Liebe oder zur Situation der Gesellschaft auszudrücken. Ich bin ein großer Fan der deutschen Sprache und habe tunlichst darauf geachtet, dass es nicht nach Schlager klingt. Es sollte auch keine Comedy sein, sondern als Seitenprojekt ein echter Astor. Aber eben anders. Ich wollte einfach ein Album mit Liedern über die Chancen des Lebens machen – daher der Titel.

-Ich hatte eigentlich mit einem klassischen Singer-Songwriter-Album gerechnet, aber es ist doch vielseitiger geworden.

Ja, ich arbeite mit verschiedenen Stilen – von Bossa Nova bis hin zu bluesigen Titeln. Ich habe immer schon gerne Stile der Weltmusik geklaut. Und generell sind Leute wie James Taylor oder die Beatles meine DNA. Man orientiert sich immer an seinen Vorbildern, auch harmonisch. Wer genau hinhört, wird etwa viele Analogien zu den Beatles finden, in dem Sinne, dass die Harmonien eines Songs sehr wichtig sind. Es sollte auf keinen Fall ein Album werden, das einen runterzieht.

-Die Texte sind oft recht nachdenklich. In „Insel der Glückseligkeit“ geht es um die Larmoyanz einer Gesellschaft, der es eigentlich sehr gut geht...

Das ist eines von den kritischeren Liedern über meine Sicht auf die Gesellschaft. Wie wir uns auf sehr hohem Niveau beschweren. Wenn einem etwa in der Straßenbahn die schlechte Laune entgegenschlägt, fragt man sich schon: Was wollt ihr denn eigentlich?

-Sie haben zwei kleine Kinder – hängt es damit zusammen, dass Sie sich nun ernstere Gedanken über die Welt machen?

Sicher. Ich will denen die Welt erklären und sie zu zukunftsfähigen Menschen machen. Ich bin letztlich in einer sehr sorglosen Zeit aufgewachsen, auf meine Kinder kommt vermutlich mehr zu. Ich weiß nicht, ob sie auch so viel Glück haben werden wie ich. Man will sie vorbereiten auf die Welt und zu mitfühlenden Menschen machen, nicht zu mitleidenden.

-Wie treffen Sie die Lieder-Auswahl für die CD?

Das Privileg einer Auswahl hatte ich noch nie. Ich schreibe von der Hand in den Mund. Ich habe immer nur mit Deadline funktioniert. Ich brauche ein Datum, an dem ich abgeben muss. Ich habe daran herumgewerkelt, wann immer ich Zeit hatte, und habe so einen Backstein auf den anderen gesetzt.

-Sie arbeiten erstmals mit vielen verschiedenen Musikern zusammen. Wie ist das?

Na ja, erst mal muss das Lied auch im Ein-Mann-Betrieb funktionieren. Und dann kommen die anderen Instrumente dazu, die den Song stärker machen. Es soll auch schmeichelhaft für das Ohr sein und nicht ständig nur Schrammelgitarre, das nervt auf Dauer. Ich wollte ein mit Leichtigkeit hörbares Album, das nicht seicht ist. Und andere Musiker bringen eine neue Energie und Lebendigkeit in die Lieder. Es ist wie ein kleiner Glücksrausch, wenn sie dann gut gelingen. Ich habe sehr profitiert von der jugendlichen Frische meiner viel jüngeren Mitmusiker. Ich lerne immer gerne von Leuten, die mehr können als ich, und die Jungs sind ausgebildete Spitzenmusiker auf internationalem Niveau. Alleine mit denen zusammen zu spielen war es wert, dieses Album aufzunehmen.

-Sie haben anfangs mit Wortspielereien Erfolg gehabt und hätten dabei bleiben können. Was treibt Sie an, immer Neues auszuprobieren?

Ich bin extrem froh über meine unabgeschlossene Ausbildung in der Kunst. Und die Entwicklung ist nie vorbei. Dieser Drang, immer wieder etwas Neues anzufassen, das ist auch ein Motor. Ich wollte nie nur Kabarettist sein oder nur Musiker. Mich interessieren eben verschiedene Farben – und ich bin froh, dass mein Publikum diese Scherenschläge mitmacht.

-War es schwierig, Label und Veranstaltern zu erklären, dass man etwas völlig anderes macht als das, wofür man bekannt ist?

Ich mache das immer aus dem Bauch heraus. Ich glaube, das könnte die Leute interessieren, und ich lehne mich da ein bisschen aus dem Fenster und behaupte: Das hat eine gute Qualität. Ich denke, dass das Album bei denen, die es sich interessiert anhören, gute Vibes hinterlässt.

-Haben die verschiedenen Projekte unterschiedliches Publikum?

Es ist gemischt. Es gibt Leute, die sind sehr selektiv und gehen nur zu den „Sounds of Islands“-Konzerten, andere gehen nur zur Comedy. Es gibt auch viele Wiederholungstäter deutschlandweit, die immer kommen, egal womit ich auftrete. Und darüber bin ich sehr froh, ohne diese Leute könnte ich den Laden zusperren. Es ist eine sehr feine und interessierte Schar, die da zu mir kommt. Das kann gerne so weitergehen. Ich will einfach haben, dass der Abend kurzweilig ist. Ich seh mich da als klassischen Entertainer.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

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