Effekte, Raffinesse und ein dicker Pinsel

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Enoch zu Guttenberg fkn

KONZERTKRITIK . Zweimal Bachs Matthäus-Passion mit dem Münchener Bach-Chor und der Chorgemeinschaft Neubeuern im Gasteig.

von maximilian maier

Zu den höchsten Kirchenfesten darf es gerne ein bisserl mehr Bach sein. Die doppelte Matthäus-Passion am Karfreitag in der Münchner Philharmonie hat daher Tradition – am Nachmittag mit dem Münchener Bach-Chor und dem Bach-Collegium unter der Leitung von Hansjörg Albrecht, am Abend mit Enoch zu Guttenberg, seiner Chorgemeinschaft Neubeuern sowie dem Orchester der KlangVerwaltung. Zwei wie erwartet unterschiedliche Ansätze mit Reizen auf beiden Seiten.

Albrecht war der raffiniertere Klangästhet. Ihm glückten mit seinem Orchester packende Momente, beispielsweise beim „Sind Blitze, sind Donner“ oder beim Erdbeben nach Christi Tod. Da konnte es einem angst und bange werden, der geöffnete „feurige Abgrund“ wurde wirklich hörbar. Im Gegensatz zu Guttenberg begleitete er selbst am Cembalo und sorgte auch hier für Effekte, zum Beispiel wenn er das Werfen der Silberlinge mit einem Glissando unterstrich. Auch die Entscheidung, die große Orgel anstatt eines bloßen Positivs zu nutzen, entpuppte sich als goldrichtig. Eindrucksvoll geriet dadurch die Stelle des Hahnenschreis oder einige lang ausgehaltene Orgelpunkte im vollen Plenum.

Zwischen den Nummern sorgte Albrecht für flotte Übergänge, ging oft attacca ins nächste Stück über, während Guttenberg mehr Raum zum Nachklingen ließ. Auch die Choräle zog Albrecht straff durch. Das wirkte zumeist gut und spannend, unterstützte auch die stückgemäße innere Unruhe. Der Kernchoral „O Haupt voll Blut und Wunden“ wirkte weniger klagend, erschütternd als vielmehr triumphal. Ein Moment, in dem sich Theologie und Musikinterpretation wunderbar mischten.

Guttenberg ließ hier die erste Strophe vom neu gegründeten Münchner Knabenchor singen. Die Nachwuchssänger schlugen sich, genau wie am Nachmittag die Mädchen und Buben der Domkantorei, im Cantus firmus des ersten Teils, sehr gut, doch wirkten gerade im so wichtigen „O Haupt voll Blut und Wunden“ die Stimmen zu nervös. Auch Guttenberg gelangen große Momente mit der Chorgemeinschaft Neubeuern, die in den Stimmgruppen ausgeglichener und tonqualitativ besser besetzt war als der Bach-Chor. Guttenberg malte mit dickerem Pinsel als Albrecht. Schon der Eingangschor „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“ hielt Einzug wie ein bombastisches Glaubensbekenntnis. Durch die etwas getrageneren Tempi vereinfachte es Guttenberg seinen Sängern, ihre Stimmen zum Klingen zu bringen und deutlicher zu artikulieren, beispielsweise im „Wo willst du, dass wir bereiten“ oder „Ich bin’s, ich sollte büßen“. Nur selten wurde Pastoses nicht mit Inhalt gefüllt, sondern wälzte sich schwerfällig dahin – weitaus öfter griff es den Hörer im Innersten an. Ganz leise, in sich gekehrt, reflektierend gelang der Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“. „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gesehen“ kam wie ein Sonnenaufgang daher, blühte vom Pianissimo auf ins jubelnde Forte der Erkenntnis.

Klar besser waren Guttenbergs Solisten. Der fabelhafte Evangelist von Benjamin Bruns ließ keine Wünsche offen, während sich Alexander Kaimbacher nachmittags mit brüchigem Falsett durch die Partie hangelte. Gerhild Rombergers Alt verfügte mit wunderbar satt strömender Tiefe, Gestaltungskunst und modellierten Koloraturen über all das, was Ann-Beth Solvang bei Albrecht fehlte.

Zeit wurde es auch, mit Günther Groissböck in der Guttenberg-Version mal wieder einen gestandenen Bassisten die Arien singen zu hören. Kernig, nobel, ausdrucks- und höhenstark phrasierte er, gestützt auf sein wuchtiges Fundament. Sehr vornehm der Christus von Falko Hönisch. Auf Seiten der Bach-Chor-Solisten reichte allenfalls Martin Platz mit leichter Höhe und schönem Timbre an die Guttenberg-Riege heran. Was unterm Strich bleibt: Sächsisch-evangelischer Intellekt neben bayerisch-katholischem Temperament – so viel Ökumene muss auch vor Ostern erlaubt sein.

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