„Edita Gruberova ist eine Widerständlerin“

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Edita Gruberova, Primadonna assoluta unserer Zeit, ist am Freitagabend im Festspielhaus Baden-Baden mit dem Herbert-von-Karajan Preis ausgezeichnet worden. Die Laudatio hielt Markus Thiel, Musikredakteur unserer Zeitung. Er hat eine Biografie über die Sopranistin geschrieben. Hier die Rede:

Verleihung des KARAJAN-PREISes In BADEN-BADEN

Edita Gruberova, Primadonna assoluta unserer Zeit, ist am Freitagabend im Festspielhaus Baden-Baden mit dem Herbert-von-Karajan Preis ausgezeichnet worden. Die Laudatio hielt Markus Thiel, Musikredakteur unserer Zeitung. Er hat eine Biografie über die Sopranistin geschrieben. Hier die Rede:

Am liebsten reist sie mit dem Zug, und das in einem speziell gefertigten, extra-bequemen Privatabteil. Man sagt, dass sie es dabei nicht unter 50 Koffern macht. Ihre Verträge werden stets mit demselben Passus ausgehandelt: Es sei ihr freigestellt, zu allen Proben zu kommen; allerdings sei sie nicht dazu verpflichtet, auch nur eine einzige zu besuchen. Eine Menagerie von Haustieren hat sie gern um sich. Und der Star davon ist der Papagei: Taucht der Manager auf, liebe Edita Gruberova, dann kreischt das Tier sogleich „Cash, Cash!“

Was für eine Diva, werden Sie denken. Und da haben Sie Recht. Die Rede ist von Adelina Patti, von jener legendären, aber eben doch sehr eigenwilligen Koloratursopranistin, die 1843 in Madrid geboren wurde und 1919 in Wales starb.

Höchstbegabt war sie, mit einer Wunderstimme ausgestattet, aber eben auch narzisstisch, irrational, allürenhaft, hochmütig und streitbar bis zur Eruption. Das Musterbild einer Diva. Die Vertreterin einer Gattung, zu der man, steht man im Rampenlicht, doch recht schnell gezählt wird. Sie merken, worauf ich hinaus will: Ehren wir heute mit Edita Gruberova, mit der unumstrittenen Assoluta unserer Zeit, also eine typische, eine klassische Diva? Ich meine: nein.

Sicher, auch Edita Gruberova kann man zur Explosion bringen. Ich hätte dafür sogar einige Tipps. An die Kollegen zum Beispiel: Kommen Sie am besten schon zur ersten Probe nur unzureichend vorbereitet und machen Sie sich nur rudimentäre Gedanken über ihre Rolle. Und dabei ein Extra-Rat an die männlichen Kollegen: Schenken Sie Edita Gruberova im Liebesduett am besten kaum einen Blick. Reagieren Sie am besten nur in Richtung Rampe. Dann kann es nämlich passieren, dass Sie sich nur wenig später zur Nachhilfe in Darstellungskunst in ihrer Garderobe einzufinden haben.

Und ein Tipp noch an die Regisseure und Ausstatter: Bauen Sie möglichst viele Treppen ein samt einer Bühnenschräge, die für nachhaltige Rückenschmerzen sorgt. Wer die Münchner Inszenierung von Donizettis „Lucrezia Borgia“ gesehen hat, wird bei der Szenerie anerkennend gedacht haben: Was für eine schöne Shakespeare-Bühne, was für ein Podest, das ans Globe-Theater erinnert! Allein: Es war letztlich das Werk von Edita Gruberova. Sie wollte sich mit der ursprünglich vorgesehenen, nach vorn kippenden Bühne nicht abfinden und setzte durch, dass alles angehoben wurde – wobei sie mit dem Maßband regelmäßig nachprüfte.

Sie sehen also: Auch Edita Gruberova kann sehr ungemütlich werden. Das mag den einen oder anderen jetzt zum Schmunzeln reizen, aber es ist blutiger, professioneller Ernst. Sind das also wirklich Allüren?

Edita Gruberova ist eine Widerständlerin, eine Kämpferin. Zielstrebig, unerbittlich, selbstbewusst, nie ermüdend und für manche dann auch lästig. Aber, und das unterscheidet sie von den sich plusternden Exemplaren der Szene: Sie kämpft dann nicht für ihr Ego, sie kämpft für viel Wichtigeres – für die Kunst. Manchmal dreht es sich dabei eben um die Arbeitsbedingungen, die den Gesang zu behindern drohen. Und manchmal dreht es sich um das, was auf die Bühne gebracht werden soll: um das Werk. Und das Bemerkenswerte dabei ist: Ihre Karriere gibt ihr Recht.

Eine 45-jährige Laufbahn, die nicht nur beispiellos ist, sondern auch Vorbild sein kann, ja muss. Und dies gerade in unserer Zeit, in der alle halbe Jahre, so scheint es, ein vermeintlich neuer Star durchs Operndorf getrieben wird. Wer Edita Gruberova kennenlernen darf, der erfährt schnell: Singen bedeutet ihr nicht nur Erfüllung, sondern auch Verpflichtung. Dies betrifft ihre unnachahmliche Kunst, die sie – so ihr hoher moralischer Anspruch – nicht für sich behalten darf und an der daher andere teilhaben sollen.

Das betrifft auch den Umgang mit ihrem Umfeld. Es gehört bei ihr zum Beispiel zur Regel, dass sie nach einem überstandenen Konzert oder nach einer konditionsraubenden Oper eben nicht durch den Hinterausgang verschwindet.

Und ich kann mich an einen Empfang erinnern, an dem sie eine Zeitlang mit den Offiziellen smalltalkte, um ihnen dann zu bescheiden „Ich muss jetzt zu meinen Fans“. Kein eitles Bad in der Menge ist ein solcher Moment, sondern aus der Pflicht heraus geboren: weil Edita Gruberova weiß, dass sie ihren Erfolg zum großen Teil eben nicht den Intendanten, Dirigenten, Agenten und Regisseuren zu verdanken hat, sondern Ihnen: dem Publikum.

Sie macht es sich bei alledem also durchaus nicht leicht. Singen, mit all den dazugehörigen Begleitumständen, ist bei Edita Gruberova immer der unbedingte Ernstfall – auch wenn sie dabei so umwerfend komisch ist wie als Zerbinetta in der „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss. Und dieser Ernstfall erfordert harte Arbeit.

Womit wir bei einem weiteren Thema wären, auf das Edita Gruberova allergisch reagiert: wenn sie von Kollegen oder anderen gefragt wird, welchen Kniff sie denn für diese oder jene schwierige Stelle verraten könnte. Diese Sängerin mag uns alle verzaubern. Aber hinter ihrer Magie steckt lange, zeitaufwendige, ermüdende, zuweilen nervtötende, Arbeit – aber kein einziger Trick.

Wie wohl diese Karriere verlaufen wäre, hätte Edita Gruberova nach ihrer Flucht aus der Tschechoslowakei an der Wiener Staatsoper gleich die großen Partien bekommen? Sie, die schon Rollen wie die Violetta in ihrem Heimatland gesungen hatte, wurde an einem der ersten Häuser der Welt mit „Wurz’n“, mit Stichwortgeberinnen abgespeist. Im Nachhinein, das weiß sie heute, tat ihr das gut: Es war möglich, zu reifen, die eigene Kunst zu vervollkommnen, und dies abseits des Rampenlichts, ohne die Begehrlichkeiten des Klassikmarktes.

Ihr war klar: „Meine Zeit wird kommen“, sagte sie sich. Und das aus einem untrüglichen, instinktiven Wissen um ihre Stimme, um ihre Möglichkeiten, um das, was noch von ihr zu erwarten war, und um das, was sie ablehnen musste. Es könnte sogar sein, dass Edita Gruberova mehr Nein in ihrem Leben gesagt hat als Ja. Das mag Intendanten und Dirigenten nicht immer gefallen haben. Doch war dieses Nein eben keine Koketterie, sondern Resultat eines in jeder Hinsicht gesunden Selbstbewusstseins.

Mit diesem Wissen und mit dieser Fähigkeit, Rollen sich anzupassen, sie zu durchdringen, verblüffte und verblüfft sie nicht nur ihr Publikum. Als Nikolaus Harnoncourt zu einem recht frühen Zeitpunkt einmal mit ihr in Wien ein Projekt erarbeitete, da trafen sich zwei Wesensverwandte. Er war schon damals überrascht von ihrem Detailbewusstsein. Von der Erkenntnis: Koloratur ist nicht Zirkus, sondern Ausdruck.

Als Wolfgang Sawallisch erstmals mit ihr die „Ariadne auf Naxos“ machte, da wurde ihm schnell klar: Er kann von Edita Gruberova viel lernen über Rolle und Gestaltung, nicht umgekehrt. Und als Herbert von Karajan mit ihr für eine Salzburger „Zauberflöte“ zusammentraf, handelte er auf seine Art: Er gab Edita Gruberova, die eigentlich als Cover für die dort engagierte Königin der Nacht vorgesehen war, gleich die Premiere. Dass es nicht zu weiteren gemeinsamen Projekten kam, dies ist im Nachhinein gesehen schon sehr betrüblich. Welch verpasste Chancen! Man mag sich gar nicht ausmalen, welch grandiose Mozart-, Strauss- oder Belcanto-Abende da möglich gewesen wären.

Edita Gruberova ist übrigens ein Sprachengenie. Slowakisch beherrscht sie naturgemäß, es ist ihre Muttersprache, dann Deutsch, Englisch, selbstverständlich Wienerisch. Beim Schwyzerdytsch, der Sprache ihrer jetzigen Heimat, da müsste man sie testen oder befragen. Auch Italienisch gehört auf diese Liste, Französisch und noch eine, womöglich alles entscheidende Sprache, es ist die des Belcanto.

Es ist jene Sprache Donizettis, Bellinis und Rossinis, bei der die meisten Fachvertreterinnen und Fachvertreter ins Radebrechen kommen. Es ist eine ganz eigene Sprache. Schwierig, weil sie oft als simpel missverstanden wird, weil sie so detailverliebt ist, weil jede kleine Nuance – und das entgeht eben vielen – etwas anderes bedeuten kann.

Von daher war dies vollkommen logisch: dass Edita Gruberova, die so hochanalytisch mit Partien und ihrer eigenen Stimme umgeht, die jeden noch so winzigen Tonverlauf auf die Waagschale legt, letztlich zum Belcanto finden würde. Zu jenen Rollen, Lucia, Elisabetta, Lucrezia oder Anna Bolena, über die sie sich seit einiger Zeit nicht nur definiert. Ohne sie, und das ist ja auch ein Problem, könnten diese Werke gar nicht adäquat gespielt werden.

Edita Gruberova hat uns diese Opern gewissermaßen neu geschenkt. Erst dank ihr wird uns bewusst, was diese Frauenfiguren ausmacht, was sie bewegt, warum sie so und nicht anders handeln müssen, woran sie leiden und lieben und woran sie, beim Belcanto ist das ja leider häufig der Fall, tödlich scheitern müssen.

Gerade weil die Darstellungskunst von Edita Gruberova so unvergleichlich ist, weil sie ihre Rollen gewissermaßen von innen nach außen entwickelt, erbringt sie einen Beweis. Ihre Gestaltungkraft belegt, dass die größte Wahrhaftigkeit auf der Bühne nicht durch die Ausstattung und die Konzeption einer Szene erzielt wird, sondern durch etwas viel Wichtigeres: den singenden Menschen. Schön, wenn auf den Bühnen mehr auf ihn vertraut werden könnte.

Jedes Mal, auch wenn man die betreffende Produktion mit Edita Gruberova schon mehrfach erlebt hat, passiert ja Merkwürdiges im Auditorium. Ein Phänomen, das man von keinem anderen Sänger kennt und das man vielleicht als In-Eins-Sein mit einem berührten und betroffenen Publikum beschreiben kann. Singt Edita Gruberova, dann ist da ein Publikum, das die Luft anhält und plötzlich, was für ein schöner, lohnender Nebeneffekt, alle Störgeräusche einstellt. Für diese süchtig machenden Momente, für diese atemverschlagenden, daher auch ziemlich gesundheitsgefährdenden Augenblicke sei Edita Gruberova gedankt. Herzlichen Glückwunsch zum Herbert-von-Karajan-Preis 2013!

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