BAYREUTHER FESTSPIELE 

Im Dunkeln

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Katharina Wagners „Tristan und Isolde“ startete ins vierte Jahr

von maximilian maier

Die große Ironie bei Wagners „Tristan“ ist, dass er eigentlich ein leicht aufführbares Werk schaffen wollte. Alle Theater sollten es ohne großen Aufwand spielen können. Denn Wagner brauchte, wie so oft, dringend Geld: Kasse vor Klasse, der „Tristan“, eine Gelegenheitsarbeit. Bekanntlich kam es anders. „Tristan und Isolde“ gehört zu den komplexesten und kompliziertesten Werken des 19. Jahrhunderts, inklusive zweier nahezu unsingbarer Titelpartien.

Bei der Bayreuther Wiederaufnahme am Freitag spürt Christian Thielemann dieser Komplexität nach und geht ihr auf den Grund. Das Festspiel-Orchester agiert dabei wie ein Körper; Einzelstimmen und Stimmgruppen gliedern sich bei aller Eigenständigkeit in den Gesamtklang ein. Im großen Liebesduett im zweiten Aufzug dimmt Thielemann das Orchester bis ins äußerste Pianissimo und behält doch alle schillernde Brillanz. Dass er sich vor allem an den orgiastischen Stellen im Jahr vier dieser Produktion auch eine Prise Spontanität gönnt, macht die Kraft seines Musizierens aus. Auch wenn er stellenweise die Sänger etwas zudeckt, hat diese „Tristan“-Interpretation Referenzcharakter.

Die Inszenierung von Festspielchefin Katharina Wagner setzt auf Verinnerlichung, daran hat sich nichts geändert. Seelische Zustände werden nach außen gespiegelt. Doch trotz mancher poetischer Bilder wird das Publikum – auch wörtlich – oft weitgehend im Dunkeln gelassen.

Das gilt leider auch für die Sänger. Durch die Extremlagen ist es natürlich sehr schwierig, aber etwas mehr sollte man vom Text doch verstehen können. Einzige Ausnahme im Ton-Kauderwelsch ist René Pape als Marke. Seine beiden Szenen strotzen vor Autorität und Textausdeutung, auch wenn er an diesem Abend nicht die Virilität hat, die man sonst von ihm gerade in dieser Partie kennt.

Im Gegensatz zum gefährlich forcierenden Iain Paterson (Kurwenal) bewältigt Christa Mayer die Brangäne mit großer, vor allem in den Höhen starker Stimme. Allerdings fehlt ihrem Vortrag der wärmende Balsam, besonders im „Ruf“. Petra Lang legt ihre Isolde im ersten Aufzug als ortrudhafte Furie an. Ihre Entwicklung zur Liebenden erschließt sich ohne Liebestrank nicht. Stimmlich bringt Lang an Material alles mit, sie kann auch im Liebesduett trotz allen dramatischen Ausbrüchen wieder ins Lyrische umschalten. Wären da nicht die besonders in der unteren Mittellage fast verschluckten Töne, der Ansatz ganz hinten im Hals, der ein Abdunkeln und Verzerren der Vokale zur Folge hat sowie gewisse Kontrollverluste in der Höhe und ein irritierendes Anschleifen der Töne, die das Gesamtbild trüben.

Ungetrübt ist die Freude über Stephen Gould. Woher er die Energie nimmt, die Mörderpartie des Tristan so durchzustehen, dass er selbst in den Fieberwehen immer noch mehr liefern kann, wird sein Geheimnis bleiben. Am Ende einige Buh-Rufe gegen Katharina Wagner und ihr Team sowie tosender Applaus für Thielemann, die Musiker und die Sängerriege.

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