Auf dünnem Eis

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DokuSoap Anni Friesinger macht bei Vox vier Kenianer zu Eisschnellläufern – Kritik an „subtilem Rassismus“

Von Carsten Rave

Amos (21), Leonard (24), Isaac (24) und Sammy (27) kommen aus Kenia und dachten noch vor einigen Monaten nicht im entferntesten daran, jemals auf Schlittschuhen zu stehen. Das änderte sich abrupt, als Eisschnelläuferin Anni Friesinger (36) und der Privatsender Vox auf den Plan traten. Das Quartett wurde aus einem Bewerberkreis von 30 guten Läufern aus der kenianischen Stadt Eldoret für den Wettbewerb „Real Cool Runnings“ ausgewählt, der von heute an (20.15 Uhr) in acht Folgen als Dokusoap ausgestrahlt wird.

Die Produktion zeigt, wie Friesinger in Afrika mit dem Trockentraining beginnt und das Quartett von Vox nach Inzell im Landkreis Traunstein lotst, um ihm den Feinschliff zu verpassen. Die vier Männer sollen beim Eislaufmarathon im österreichischen Weissensee an den Start gehen. Die Dokusoap zeigt die Männer nicht nur bei ihren Versuchen, auf den Kufen zu gleiten, sondern auch, wie sie sich ihren bayerischen Gastfamilien nähern. Der Titel der Dokusoap ist dem Film „Cool Runnings“ (1993) über ein Bobteam aus Jamaika entliehen, das ja wirklich bei Olympischen (Winter-)Spielen antrat.

„Für mich ist die Challenge, den Jungs in relativ kurzer Zeit meine Sportart, das Eisschnelllaufen, beizubringen“, wird Friesinger zitiert. Die gebürtige Reichenhallerin, dreifache Olympiasiegerin, sechzehnfache Weltmeisterin und fünffache Europameisterin, musste ihre Karriere im Jahr 2010 verletzungsbedingt beenden. Unterstützt wird die Athletin in der Dokusoap von ihrem Co-Trainer und ehemaligen Betreuer Michi Stöberl. „Ich will ein Team haben“, formuliert Friesinger das Ziel. „Die müssen zu viert die 100 Kilometer schaffen und zu viert in der Ferne, in Europa, diese Zeit durchstehen.“

Doch es gibt auch Kritik an dem Format. Dunkelhäutige Menschen würden, wenn auch subtil, zum Gespött gemacht, sagte Tahir Della von der „Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland“ der „Bild“-Zeitung. Es sehe natürlich immer lächerlich aus, wenn jemand zum ersten Mal auf Schlittschuhen steht, doch „dass in der Sendung kein Weißer über das Eis stolpert, ist natürlich kein Zufall, weil das nicht halb so lustig wirkt.“

Bei Vox sieht man das natürlich anders. „Durch den kenianischen Blick auf unsere deutschen Lebensgewohnheiten können wir einiges über uns lernen“, sagte eine Sprecherin: „Und das hat komische Momente, wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt.“ Die Sportler seien bewusst ausgewählt worden, kenianische Läufer brächten gute konditionelle Voraussetzungen für einen Eisschnelllaufmarathon mit.

Nach der Sportlerkarriere ab ins Fernsehen – diesen Weg haben bereits einige andere Athleten hinter sich gebracht. Der Erfolg war wechselhaft. Tennisstar Boris Becker (46) moderierte – abgesehen von zahlreichen Gastauftritten – vor zehn Jahren im damaligen Deutschen Sportfernsehen (DSF) einen Talk („1:1“), der aber nach recht kurzer Zeit beendet wurde. Eiskunstläuferin Katarina Witt (48) präsentierte 2006 und 2007 die Pro-Sieben-Reihe „Stars auf Eis“ und die erste Staffel der Dokusoap „The Biggest Loser“ (damals Pro Sieben), in der Dicke dünner werden wollen. Ihre Nachfolgerin war Ex-Boxerin Regina Halmich, derzeit wird das Format von Kickboxerin Christine Theiss präsentiert. Fußballweltmeister Lothar Matthäus (52) übrigens wollte im RTL 2-Trash „Borussia Banana – Helden des Strafraums“ im Jahr 2005 aus begabten Hobbykickern ein starkes Team schweißen – mit magerem Erfolg.

Ob Anni Friesinger ein größerer Erfolg als Witt, Matthäus oder Becker mit eigenen Fernsehformaten beschieden ist, bleibt abzuwarten, denn dass Publikum akzeptiert die ehemaligen Aktiven bestenfalls zumeist als Experten und Gastkommentatoren bei den sportlichen Großereignissen, über die sie wirklich Aussagen treffen können. Fest steht zu allem Überfluss auch, dass Vox, ein Schwestersender von RTL, mit Formaten außerhalb seiner Kernkompetenz mit Serien wie „Rizzoli & Isles“ oder „Arrow“ oder Kochshows wie „Das perfekte Dinner“ oft Pech gehabt hat, weil sich das Publikum nicht so recht für die diversen Programmexperimente interessiert.

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