DAS JÜDISCHE MUSEUM MÜNCHEN ERMÖGLICHT MIT „A MUSLIM, A CHRISTIAN AND A JEW“ EINEN EINBLICK IN ERAN SHAKINES WERK

Drei Gentlemen bitten herein

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von michael Schleicher. Am Ende ist es eine eher kleinformatige Arbeit, die gar übersehen werden könnte in Nachbarschaft des formatsprengenden „Tunnel of Love“.

Die Leinwand nebenan zeigt drei Männer, kaum mehr als die Schattenrisse ihrer Köpfe samt Zylinder sind erkennbar. Zwei Herren schauen in die eine, der dritte in die andere Richtung – es könnte aber auch andersherum sein. Darunter hat Eran Shakine geschrieben: „Ein Muslim, ein Christ und ein Jude erkennen, dass die Wahrheit im Auge des Betrachters liegt.“

Ein Volltreffer. Und ein wunderbares Beispiel dafür, wie Shakines Kunst funktioniert. Die scheinbar naiv anmutenden Zeichnungen des 1962 in Tel Aviv geborenen Künstlers rühren an einer tieferen Wahrheit. „A Muslim, a Christian and a Jew“ heißt die Ausstellung im Jüdischen Museum, die nun auch in München eine Begegnung mit diesem facettenreichen Werk ermöglicht. Die Schau kommt vom Jüdischen Museum in Berlin. Katharina Erbe und Lilian Harlander haben sie fürs Haus am St.-Jakobs-Platz adaptiert und ergänzt: Scherenschnitte sowie farbige Acryl-/Ölwachskreide-Arbeiten sind erstmals zu sehen.

Seit 2006 arbeitet Shakine, der einst in einer Meisterklasse von Joseph Beuys saß, an der Serie „A Muslim, a Christian and a Jew“. Ihr Name erinnert nicht zufällig an den Beginn eines Witzes; das so liebevoll wie kenntnisreich gestaltete Buch zur Schau unterstreicht diese Assoziation, da es im Titel die drei Genannten gemeinsam an der Himmelspforte klopfen lässt. Gewiss, Shakines Werk erzählt sehr unterhaltsam, dass die drei Weltreligionen so unterschiedlich nicht sind. Im Gegenteil: Muslim, Christ und Jude sind drei Gentlemen, die mit ihren Zylindern aus dem 19. Jahrhundert herübergesprungen sein könnten. Wer von ihnen wer ist? Keine Ahnung.

Wozu auch? Die drei Herren „lernen, einander zu vertrauen“, wie Shakine die Utopie formuliert – und einen Protagonisten beim Bankdrücken zeigt, während die beiden anderen die Gewichte sichern. Ein Bild, so treffsicher in Aussage und Gestaltung wie eine Karikatur, wie ein Graffito. Shakine zitiert gern beide Genres.

Er arbeitet fast immer ohne Skizzen, variiert Motive, Darstellungsformen, Arbeitsmaterial. Die in fünf Kabinetten dramaturgisch klug aufgebaute Schau ermöglicht dem Besucher Vergleiche – und zeigt zudem, wie sich der Künstler ästhetisch sowie inhaltlich entwickelt hat. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Scherenschnitten, mit denen der Sohn eines Franzosen und einer Ungarin (beide überlebten die Shoah) in jüngerer Zeit experimentiert, sowie den farbigen Arbeiten. Während einerseits die Klarheit seines Strichs das Offensichtliche spiegelt, reagiert er mit dem Schritt in die Abstraktion auf Komplexes. Die für sein bisheriges Schaffen ungewöhnlichste Arbeit zeigt auf kraftvollem Rot ein Chaos aus Schwarz und Weiß. Wer genau hinschaut, erkennt die drei wohlbekannten Herren. „Ein Muslim, ein Christ und ein Jude fürchten sich nicht vor irgendwelchen Monstern.“ Stattdessen stehen sie lässig auf einem Surfbrett und lassen alles hinter sich. Recht haben sie.

Bis 21. Oktober,

Di.-So. 10-18 Uhr,

Katalog (Hirmer): 9,90 Euro.

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