„Die Bayern sind die dümmsten Deutschen“

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Montesquieu foto: dpa

Die amüsanten, kuriosen, auch pikanten Reisenotizen des französischen Rechtsphilosophen Montesquieu. Von Alexander Altmann.

Muss man sich solch eine Frechheit wirklich gefallen lassen? „Die Bayern sind die dümmsten Deutschen“, notiert Charles-Louis de Montesquieu (1689–1755) bei seiner Deutschlandreise ins Tagebuch. Rätselhaft, wie jemand, dem solche Fehlurteile unterlaufen, als bedeutender Rechtsphilosoph gelten kann. Gut, er mag die Gewaltenteilung erfunden haben, aber die Trennung von Legislative und Exekutive schaute er dabei einfach den Engländern ab. Lediglich die Separierung der dritten Gewalt, der Judikative, war eine eigene Idee. Trotzdem wollen wir diesem arroganten französischen Baron noch eine zweite Chance geben – und siehe da, er hat sie verdient: Am 3. August 1729 schreibt er über München: „Das ist eine schöne Stadt. Die Straßen sind breit und schön, die Häuser recht gut gebaut.“

„Meine Reisen in Deutschland“ heißt das amüsante, auch kulturgeschichtlich anregende Buch mit Montesquieus Notizen aus den Jahren 1728/ 29, in denen er sich bei seinen östlichen Nachbarn umschaute und dabei auch in Bayern Station machte. Wenn er nicht gerade Holzhammer-Vorurteile fällt, frönt der Aristokrat in seinen Notizen mit Leidenschaft dem Klatsch. Dabei geht es nicht nur darum, welche Adelsfamilien Bayerns „die vornehmsten“ sind, sondern auch um die umvermeidliche Frage, wer mit wem schlief, konkret: zu welcher Hofdame der Bayerische Kurfürst Karl Albrecht momentan bevorzugt ins Bett steigt. Aber nicht nur fürs Unterhaltungsprogramm interessiert sich der Franzose. Er gibt sich gleichzeitig auch als fast schon wissenschaftlicher Beobachter, der nüchtern Daten zu Geografie, Ökonomie und zum Militärwesen der bereisten deutschen Staaten sammelt.

Doch fast hat man den Verdacht, der Buchhaltergestus werde nur vorgetäuscht oder als Stilmittel eingesetzt. Denn mit den Fakten nimmt es Montesquieu nicht so genau. Doch diese beiläufig-selbstverständliche Oberflächlichkeit macht den fast exotischen Reiz der Reisenotizen aus. Dieses Buch wirkt auf uns Gegenwartsmenschen so kurios und witzig, weil der exzessive „Impressionismus“ des Autors tendenziell in den Irrwitz hinüberzuspielen scheint. So entsteht ungewollt ein absurdes Theater aus dem frühen 18. Jahrhundert. Übrigens vermerkt der Franzose bei seinem Aufenthalt an der Isar auch: „Die Menschen in München sind sehr schön.“ Eine Einsicht, die vermuten lässt, dass Montesquieu doch kein ganz unbedeutender Denker war...

Charles-Louis de Montesquieu:

„Meine Reisen in Deutschland“. Aus dem Französischen von Hans W. Schumacher. Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 216 Seiten; 22 Euro.

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