„Deutsche Weihnacht ist es jetzt“

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Vor 75 Jahren nutzten die Nationalsozialisten erstmals Rundfunk-Ringsendungen am Heiligen Abend zur Propaganda. von Christoph Arens.

Es knisterte im Volksempfänger. „Hier ist der Großdeutsche Rundfunk mit allen Sendern, angeschlossen alle Sender der besetzten Gebiete...“ Kriegsweihnacht 1940, vor 75 Jahren. Anschwellende Orgelklänge, mit emotionalem Timbre wünscht der Sprecher eine „wachsame, wehrhafte und trotz allem wundervolle Weihnacht“: „Deutsche Weihnacht ist es jetzt. Vom Polarkreis bis zum fernsten Süden, vom Atlantik bis zum Ostraum...“

Ende 1940 hatten deutsche Truppen Polen, die Benelux-Staaten, Frankreich, Dänemark und Norwegen erobert. Für die zweite Kriegsweihnacht hatte sich Propagandaminister Joseph Goebbels etwas Besonderes einfallen lassen: Nachdem es 1939 noch ein konventionelles Radioprogramm der Reichssender, aber auch Zusammenschaltungen für die Reden von Goebbels und von „Führer“-Stellvertreter Rudolf Heß gegeben hatte, kam es 1940 erstmals zu einer einheitlichen Sendung des Großdeutschen Rundfunks. Sogenannte Ringsendungen mit Schaltungen zu Außenstationen hatte es schon zuvor gegeben. Jetzt wurde dieses Rundfunkformat Bestandteil des nationalsozialistischen Weihnachtskults.

Unter dem Titel: „Deutsche Weihnacht 1940 – 90 Millionen feiern gemeinsam – 40 Mikrophone verbinden Front und Heimat“ wurde die erste Weihnachtsringsendung am Heiligen Abend von 16 bis 17 Uhr ausgestrahlt. Goebbels definierte das Ziel: Den „Volksgenossen, die von ihren Familien getrennt“ sind, sollte das „Gefühl des gemeinsamen Erlebens der Feiertage“ ohne „Rührseligkeit“ vermittelt werden. Die Sendung war eine Mischung aus Kriegspropaganda, NS-Ideologie und Brauchtum. Auch auf christliche Elemente glaubte der Sender nicht verzichten zu können. Gesendet wurden Grüße von Soldaten an ihre Angehörigen, Gespräche mit einem deutschen Zerstörer im Atlantik und Berichte wie „Die Kohlengruben in Ost-Oberschlesien gehören wieder zu Deutschland“.

Legendär wurde die „Weihnachtsringsendung“ von 1942. „Achtung, ich rufe noch einmal den Eismeerhafen Liinahamari“, rief der Sprecher zum Appell. Und trotz starker Rückkopplungen und Halleffekte kommt die Antwort „Hier ist der Eismeerhafen Liinahamari.“ Wie bei heutigen Konferenzschaltungen werden weitere Stationen aufgerufen: „Hier ist Stalingrad. Hier ist die Front an der Wolga“, krächzt es aus dem Äther. Nur eine rund fünfminütige Originalaufnahme dieser Sendung ist im Deutschen Rundfunkarchiv in Frankfurt erhalten und kann im Internet angehört werden. Die Archivierung von Rundfunksendungen habe damals erst in den Anfängen gesteckt, erläutert Archiv-Mitarbeiter Friedrich Dethlefs.

Bei allen vier Weihnachtssendungen ist umstritten, welche Teile wirklich live waren, wie es der Sender nahelegte: Tatsächlich seien die Meldungen der Soldaten von den Fronten im Studio produziert und mit Echtheit vortäuschenden Nebengeräuschen unterlegt worden, vermuten Rundfunkhistoriker. Rundfunkhistoriker Ansgar Diller ist sich mit Blick auf 1942 sicher: Keinesfalls habe es sich um eine vollständige Livesendung gehandelt. Ein Produktionsfahrplan zeige, dass die Einspielungen zwar echt gewesen seien, aber Tage zuvor erfolgten, auf Tonträgern festgehalten und danach zu einer anderthalbstündigen Sendung „gestaltet“ wurden. Von einem „spontanen Wunsch“ der Soldaten, das Lied „Stille Nacht“ vom Nordkap bis nach Nordafrika gemeinsam zu singen, kann also keine Rede sein. Die Wirkung war trotzdem ergreifend: Gesungen wurde nicht die umgedichtete „entchristlichte“ NS-Fassung, sondern der Originaltext. Die Sendung schloss mit dem Choral „Und wenn die Welt voll Teufel wär“.

Von den Weihnachtssendungen 1941 und 1943 liegen keine Tondokumente vor. Für Weihnachten 1944 – die Gegner hatten die deutschen Grenzen überschritten – wurde eine „völlig neue Weihnachtssendung“ geplant. Thematisiert werden sollte, was sich Soldaten wünschen, so der Sendeplan: Briefe von zu Hause, schöne Musik aus dem Lautsprecher. „Zum Schluss kommen Glocken der Heimat.“ Unklar ist, ob diese Sendung überhaupt übertragen wurde.

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