DIE WIENER PHILHARMONIKER MIT MAHLERS NEUNTER IN SALZBURG

Denkwürdig

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Bernard Haitink Foto: Festspiele

Von Markus Thiel. Eine gute Woche ist das Festival schon alt, erst jetzt durften die Platzhirsche aktiv werden.

Nicht einmal mit einer Oper, doch immerhin mit einem – allerdings wortlosen – Musikdrama. Dabei protzen die Wiener Philharmoniker heuer mit einschüchternden Daten: vor 175 Jahren gegründet, vor 140 erstmals in Salzburg, seit 1925 das offizielle Zentralkollektiv unterm Mönchsberg. Neben dem „Jedermann“ sind sie die einzige Konstante der Festspiele. Und nun Bernard Haitink am Pult ihres Auftaktkonzerts, das dürfte mehr Gründe gehabt haben als nur eine Schnittmenge in den Terminkalendern. Zwei weltweit einzigartige Mahler-Traditionen berühren sich hier: die Philharmoniker als einstiges Orchester des Meisters und Haitink, der an seiner früheren, langjährigen Wirkungsstätte Amsterdam die sehr andere, schmucklos-analytische Mahler-Tradition weiterentwickelte.

Haitink nahm schon immer die Gegenposition zur Fraktion der Bekenntnismusiker mit Leonard Bernstein als ihrem prominentesten Vertreter ein. Wo dieser in Rausch und Identifikation fast verglühte, hielt und hält es Haitink mit einer Darstellung und Strukturierung der Partiturverläufe, mit einer Objektivierung der Inhalte – was keine Einbußen an Energie und Emotion bedeuten muss: Mahler braucht im Grunde ja keinen Wirkungsverstärker.

Auch deshalb gelang im Großen Festspielhaus mit der neunten Symphonie Denkwürdiges. Haitink begriff schon den Kopfsatz als diesseitige, mürbe bis spröde Aussage. Die Fratzen des Ländlers verloren alle Äußerlichkeit, Haitink schnitt die Tänze hart aneinander, sein phänomenaler Sinn für Klang- und Tempo-Architektur gab dem Ganzen dennoch Geschlossenheit. Störrisch, mit gemeißelten Gesten und zurückgenommenem Tempo die Burleske, bevor es an den gefährlichsten Satz ging.

Nicht Weinerlichkeit, Melancholie sprach aus dem Weltabschiedsfinale, eher Gewissheit: Ein musikalisches Ich stand da an der Schwelle, blickte mit sich und allem im Reinen in beide Richtungen.

Die Intensität, mit der das die Wiener spielten, die Starkströme, die den Streicherapparat durchflossen, die fugenlos eingepassten Wunder-Soli, die schlagtechnische Souveränität des 88-jährigen Haitink, seine wie selbstverständliche Dispositionskraft, all das konnte nur eine Folge haben: Das Publikum riss es von den Sitzen.

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