CHRISTIAN GERHAHER LEGT NACH 14 JAHREN EINE BESTECHENDE NEUEINSPIELUNG VON SCHUBERTS LIEDZYKLUS „DIE SCHÖNE MÜLLERIN“ VOR

Aus der Deckung in den Tod

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Der Lied-Dominator auf Opernpfaden: Christian Gerhaher als Almaviva bei einer Münchner „Figaro“-Probe. foto: wilfried hösl

Von Markus Thiel. Ein Wunder ist dieses Album.

Womit nicht das Niedersinken vor einer Deutung und ihrer Interpreten gemeint ist: Dass Christian Gerhaher es überhaupt zulässt, dass sein Gesang auf Silberscheibe gepresst wird und als Dokument für die Ewigkeit das Studio verlässt, läuft der Natur dieses Selbstzweiflers entgegen. Ein Zugeständnis an den Markt? Wohl auch.

14 Jahre ist es her, dass Gerhaher mit seinem symbiotischen Klavierpartner Gerold Huber Franz Schuberts „Die schöne Müllerin“ eingespielt hat. Damals bei einem Billiglabel, damals in einem Karrierestadium, das nur Insider aufmerken und Großes prophezeien ließ. Mittlerweile dominiert Gerhaher das Lied-Genre, und seine wenigen Operneinsätze wie ab morgen im Münchner „Figaro“ lassen die Kartenserver heißlaufen. Ein Star also? Da würde der gebürtige Straubinger angewidert den Kopf schütteln. Und es ganz ernst meinen.

Erneut also die „Müllerin“ auf CD, dieses Mal bei einem First-Class-Label. Natürlich kann man beim Vergleich der Aufnahmen Unterschiede feststellen. Aber viel mehr lässt aufhorchen, wie sehr sie sich gleichen. Die Tempi sind ähnlich, die grundsätzliche Aussage ist dieselbe. Nicht die Wanderschaft eines unbeschwerten Burschen verfolgen wir, sondern den Weg eines Liebeskranken in den Freitod, der sich klanglich schon früh abzeichnet. Die „Müllerin“, so pflegt ja Gerhaher zu betonen, sei doch eine viel schwärzere Sache als die verschwisterte „Winterreise“. Das eigentlich Erstaunliche ist also: wie weit Gerhaher und Hubert schon 2003 waren, wie tief, ernst und klug ihre Schubert-Reflexion einem bereits damals begegnete.

Schon 2003 waren Wilhelm Müllers unvertonte Gedichte im Booklet abgedruckt, jetzt werden sie von Gerhaher vorgetragen. Und die sonstigen Unterschiede? Beide Aufnahmen führen vor Ohren, wie sehr sich Gerhahers Stimme verändert hat. Heller, ungedeckter singt der 48-Jährige, auch, wenn es die Aussage erfordert, greller, abweisender. Nicht nur seine Opernauftritte, etwa als Posa im Münchner „Don Carlo“, zeigten, dass Gerhahers Bariton an Dimensionen und Expansionsmöglichkeiten gewonnen hat. Große, dramatische Töne sind nun möglich und damit Rollen wie im kommenden Sommer Wagners Amfortas oder vielleicht einmal Reimanns Lear. Und was früher Eindunkelung war, Pathos, manchmal wie das Imitieren eines anderen Klangideals, ist einem viel persönlicheren Gesang gewichen. Gerhaher steht ehrlicher, selbstbewusster zu seiner eigentlichen Stimme. Das Ergebnis ist reine Rhetorik: Singen ist bei ihm inzwischen die natürliche, stufenlose Verlängerung des Sprechens – ohne, und dies hebt ihn von einem großen Vorbild ab, ins Deklamieren zu geraten.

Für Schuberts „Müllerin“ bedeutet das: Die aktuelle Interpretation wagt sich mehr aus der Deckung, ist offensiver bis angriffslustiger. Das Lied „Halt!“, in dem sich das lyrische Ich erstmals dem Haus der Müllerin nähert, ist nun eine Szene unruhiger, fiebriger Erwartung, keine Naturschilderung mehr. „Am Feierabend“ erfährt eine exaltierte Steigerung im Vergleich zur Altfassung. In „Der Neugierige“, in dem der Bursch sich und den Bach fragt, ob er wirklich geliebt wird, gibt es eine stärkere Abschnittsbildung: Das Stocken, Unsichere wird spürbar, bis der Sänger, und das ist ein genialer Moment der Neudeutung, vom viel „selbstgewisseren“ Klavier auf- und mitgenommen wird – nicht nur in solchen Momenten zeigt sich die bestechende Kunst Gerold Hubers.

Überhaupt ist Gerhahers aktuelle „Schöne Müllerin“, eine Referenzaufnahme auf einsamer Höhe, ein Wunder an mikrokosmischen Nuancen. Obgleich der allgemeine Grundduktus aktiver, entschlossener wirkt, wird im Kleinen vieles delikater, hintergründiger formuliert. Und eine bedeutende Änderung gibt es doch. Scheinen Gerhaher und Huber in „Trockne Blumen“ den Mai und ausgehenden Winter – wenn auch mit gebrochenem Ton – zu feiern, glaubt der Müllersbursch anno 2017 nicht mehr den Zeichen der Natur. Eine tiefe Verzagtheit durchzieht nun das drittletzte Lied, bevor (und das verstört in der „positiven“ Wirkung) eine große Ruhe im Finalstück hörbar wird. Den Liebeskranken, der nun im Bach sein letztes Bett gefunden hat, umfängt ein tiefer Friede. Dieser Lebensmüde ist mit sich im Reinen.

Franz Schubert:

„Die schöne Müllerin“.

Christian Gerhaher, Gerold

Huber (Sony Classical).

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