„Das kann existenzbedrohend sein“

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Interview . Medienwächter Siegfried Schneider über die Pläne des BR, seinen Jugendkanal „Puls“ über UKW zu verbreiten.

Es ist eine Idee, die den Widerstand zweier ganz unterschiedlicher Fraktionen heraufbeschworen hat. Das Programm BR Klassik, so die Pläne des Bayerischen Rundfunks, soll künftig digital verbreitet werden – mit dem Effekt einer besseren Empfangsqualität. Auf der frei werdenden UKW-Frequenz könnte dafür das bislang nur digital ausgestrahlte Jugendprogramm „Puls“ laufen. Doch nicht nur Klassikfans protestieren gegen dieses Vorhaben, über das der Rundfunkrat voraussichtlich Anfang Juli entscheidet. Auch die bayerischen Privatradios sind alarmiert. Sie befürchten große Wettbewerbsnachteile durch die öffentlich-rechtliche Konkurrenz. Unsere Zeitung sprach mit Bayerns oberstem Medienwächter Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM).

-Laut einem von Antenne Bayern und Radio Gong in Auftrag gegebenen Gutachten würden Lokal- und Regionalradios jährlich 64 Millionen Euro brutto an Werbeeinnahmen verlieren, wenn BR „Puls“ auf UKW ausgestrahlt würde. Auf welchen Berechnungen beruht diese Zahl?

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass der BR mit „Puls“ ein für junge Leute attraktives Programm bieten will, vergleichbar etwa mit dem der Welle Eins live des Westdeutschen Rundfunks – und die hat etwa zehn Prozent Reichweitenanteil in ihrem Sendegebiet. Zehn Prozent Reichweitenanteil entsprechen in Bayern etwa einem Volumen von 64 Millionen Euro brutto an Werbeeinnahmen. Die Einnahmen der Privaten definieren sich ja über die Hörerzahlen. Jeder Hörer, der zu „Puls“ wechselt, geht logischerweise den Privaten verloren, das mindert deren Erträge.

-BR-Intendant Ulrich Wilhelm argumentiert mit dem „Generationenabriss“, der dem BR als Gesamtsender drohe, wenn keine jungen Hörer mehr erreicht würden. Schließlich liege selbst bei Bayern 3 der Schnitt schon bei 43 Jahren.

Das hört sich dramatisch an, aber man muss dabei berücksichtigen, dass die Gesellschaft insgesamt altert, dadurch erhöht sich auch der Altersdurchschnitt bei den einzelnen Programmen. Wenn man untersucht, wie viele Menschen zwischen zehn und 29 Jahren den BR hören, kommt man zu anderen Zahlen. Die jüngste Funkanalyse Bayern kommt zu dem Ergebnis, dass die Wellen des Bayerischen Rundfunks von 32 Prozent der Zehn- bis 29-Jährigen täglich gehört werden. Und fragt man nach den Hörgewohnheiten der letzten 14 Tagen, haben sogar 65 Prozent der Zehn-bis 29-Jährigen ein Programm des BR eingeschaltet. Hier von einem Generationenabriss zu sprechen ist irreführend und entspricht nicht den Tatsachen. Natürlich kämpft der BR wie jeder andere Sender um die Jungen, das ist ja auch legitim. Aber muss es eine dritte Musikfrequenzkette sein, oder kann man nicht Bayern 1 und Bayern 3 so gestalten, dass sie wieder junge Menschen ansprechen?

-Das wäre Ihre Empfehlung an den BR – Bayern 3 jünger machen?

Also, wenn ich einige Jahre zurückdenke – da war Bayern 3 viel jünger und Bayern 1 viel älter. Heute hat Bayern 1 so gut wie keine Volksmusik mehr und auch kaum noch Schlager. Das ist im Prinzip ein auf Oldies basierendes Musikprogramm, wie es auch in vielen Privatradios läuft und hat sich damit Bayern 3 ein Stück angenähert. Nach der aktuellen Media Analyse Radio beträgt die Altersdifferenz gerade einmal sieben Jahre. Ein gut laufender privater Sender hat aber nur eine Frequenz und muss Hörer von zehn bis 49 Jahren erreichen. Warum schafft der BR das nicht mit fünf UKW-Programmen?

-Sollte der Rundfunkrat die Pläne genehmigen, welche Instrumente hätte die BLM, dieses Projekt noch zu Fall zu bringen?

Es ist davon auszugehen, dass die Sender, die das eingangs zitierte Gutachten in Auftrag gegeben haben, auch juristisch klären lassen, ob die Pläne des BR wettbewerbsrechtlich zulässig sind. Die Öffentlich-Rechtlichen sind ja durch den Rundfunkbeitrag finanziell ganz anders ausgestattet als die privaten Wettbewerber. Außerdem wird zu klären sein, ob der Tausch der Frequenzen von „Puls“ und BR Klassik den Bestimmungen des Rundfunkstaatsvertrages entspricht. Denn da steht drin, dass ein bisher digital verbreitetes Programm nicht plötzlich analog verbreitet werden darf.

-Und das würden Sie gerichtlich klären lassen?

Nein, das müssten die betroffenen Sender selbst tun.

-Sie als BLM könnten gar nicht aktiv eingreifen?

Für uns gibt es nur die Macht der Argumente im Vorfeld der Entscheidung. Und die sind auf unserer Seite.

-Nun haben Sie im vergangenen Jahr Ihrer Freude über den gestiegenen Marktanteil der Privatradios gegenüber dem BR Ausdruck verliehen. Geht’s den Privaten in Bayern nicht eigentlich sehr gut?

Im Durchschnitt sind die Privaten leicht in der Gewinnzone. Neben dem landesweiten Programm Antenne Bayern gibt es rund 60 lokale Sender. Von denen schreiben bei Weitem nicht alle schwarze Zahlen, bei manchen ist es gerade einmal eine schwarze Null, manche machen auch Verluste. Im Durchschnitt sieht es ganz gut aus, aber in wirtschaftlich nicht so starken Regionen kann schon der Verlust von ein paar tausend Hörern existenzbedrohend sein.

-Heißt das nicht, dass es auch ein strukturelles Problem gibt?

Nein, das heißt es nicht. Wir haben derzeit einen gut austarierten Radiomarkt zwischen dem öffentlich-rechtlichen BR auf der einen und den Privaten auf der anderen Seite. Aber was die Lokalen in jüngerer Zeit massiv trifft, ist die wirtschaftliche Entwicklung und ganz konkret die Entwicklung des lokalen Handels. Der verliert an Boden gegenüber dem Online-Handel. Der Werbetreibende im Lokalradio ist aber der lokale Handel. Amazon wirbt nicht bei einem lokalen Hörfunksender, wohl aber der lokale Händler. Und der streicht als erstes den Werbeetat zusammen, wenn die Geschäfte schlechter gehen.

-Dann wäre die jüngste BR-Initiative sozusagen der Todesstoß?

Nicht für jeden, aber für manche. Wenn dem Markt zusätzlich viele Millionen Euro an Werbeeinnahmen entzogen werden, dann schwächt das die Privaten – und gefährdet übrigens auch das gemeinsame Ziel der Digitalisierung des Radios, wovon nicht zuletzt der BR selbst profitieren würde. Ganz abgesehen davon, dass auch Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare