VALERY GERGIEV SOLL BIS 2025 BLEIBEN, SEIN ORCHESTER RÜSTET SICH SCHON FÜRS EXIL UND DEN 125. GEBURTSTAG

Der Chef geht in die Verlängerung

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Zum Jubeljahr gibt es unter anderemMahlers Achte

MÜNCHNER PHILHARMONIKER . von Markus Thiel.

Tagesordnungspunkt drei, nichtöffentliche Sitzung am morgigen Mittwoch. Und kaum einer zweifelt daran, dass der Münchner Stadtrat der Vorlage zustimmen wird: Es handelt sich um die Vertragsverlängerung von Valery Gergiev. Bis 2025 soll er als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker amtieren, seine jetzige Vereinbarung läuft bis 2020. Viel ändern dürfte sich an den Rahmenbedingungen nichts, der Vielbeschäftigte soll dem Orchester auch künftig elf Wochen pro Jahr zur Verfügung stehen, Tourneen inklusive.

Das bedeutet: Gergiev bleibt den Philharmonikern während der bevorstehenden, so schwierigen Exil-Phase erhalten. Ab 2020 wird bekanntlich der Gasteig renoviert, das Orchester und alle anderen Nutzer ziehen um in die Ausweichspielstätte am Sendlinger Heizkraftwerk. Nachdem im vergangenen Dezember hierzu Bedenken im Stadtrat laut wurden, hat Gergiev wohl noch einmal Druck gemacht. Dass er seine Verlängerung vom positiven Ausgang der Debatte abhängig gemacht haben soll, will keiner offiziell bestätigen. Gergiev selbst hat die Umbauphase immer skeptisch betrachtet. Drei Jahre, so hatte er mehrfach verlauten lassen, seien gut zu verkraften. Alles, was darüber hinausgehe, könne fürs Orchester gefährlich werden.

Mit seiner Person will der 64-Jährige nun dafür garantieren, dass die Philharmoniker auch zwischen 2020 und 2025 gewohnte Qualität liefern – und nicht zu viele Abonnenten verlieren. Ähnliche Sanierungsprojekte bei anderen Kulturinstitutionen haben nämlich gezeigt, dass die Stammnutzer ihren Orchestern und Theatern nicht gern an neue, ungewohnte Orte folgen. Derzeit baut man auf einen Stamm von knapp 15 500 Abonnenten, Tendenz leicht rückläufig. Eine Entwicklung, von der auch andere Orchester betroffen seien, sagt Intendant Paul Müller. Dafür nehme der Einzelkartenverkauf zu: Immer mehr Hörer möchten offenbar flexibler sein und sich nicht einem festen Terminraster ausliefern.

Die Philharmoniker machen sich angesichts möglicher Publikumseinbußen ab 2020 keine Illusionen. Aber: „Die ultimative Chance“ einer Interimsspielstätte sei es doch, neue Hörerschichten zu gewinnen, meint Müller. Mit Gastspielen im Postpalast oder wie am kommenden Wochenende in der Muffathalle spielen sich die Philharmoniker daher für solche Formate schon einmal warm. Weiteres Problem: Der Ausweichsaal in Sendling bietet nur 1800 Zuhörern Platz (Philharmonie: 2400). Mit Mindereinnahmen ist daher zu rechnen.

Müller hat mit den Planungen für die erste Exil-Spielzeit schon begonnen. Doch davor richten sich aller Augen und Ohren auf die kommende Saison. In der wird der 125. Geburtstag der Philharmoniker gefeiert. Im Oktober 1883 haben sie, damals noch unter dem Namen „Kaim-Orchester“, ihre ersten Konzerte gespielt. Gefeiert wird dies unter anderem mit Gustav Mahler. Seine achte Symphonie, die monströse „Symphonie der Tausend“, sowie die vierte und das „Lied von der Erde“ durften die Philharmoniker einst uraufführen. Diese Werke werden in der nächsten Spielzeit von Gergiev dirigiert. Mit der Achten gastiert man sogar in der Pariser Philharmonie – in dem 2015 eröffneten Saal wurde der Koloss noch nie gestemmt.

Weitere Höhepunkte der Saison 2018/ 19: Die dirigierende Sopranistin Barbara Hannigan kommt für drei Programme, unter anderem leitet sie eine konzertante Aufführung von Strawinskys Oper „The Rake’s Progress“. Gergiev setzt seinen Bruckner-Zyklus fort (auch mit DVD-Aufnahmen in der Stiftskirche St. Florian bei Linz). Darüber hinaus bewegt sich der Chef mit Tschaikowsky und Schostakowitsch auf gewohntem Terrain. Mit Krzysztof Urbánski und Santtu-Matias Rouvali darf die junge Maestro-Generation ans Pult, Ehrendirigent Zubin Mehta ist mit Haydns „Schöpfung“ dabei. Eine ausgedehnte Reise führt im kommenden Herbst nach Japan, Südkorea und China, neben Paris bleiben Hamburg und Wien Ziele von Kurz-Tourneen.

Zunächst freilich offerieren die Philharmoniker am kommenden Wochenende eine weitere Ausgabe des Festivals „360°“, das im Zeichen von Strawinsky steht und fast ausschließlich von Gergiev betreut wird. Unter anderem gibt es den „Feuervogel“ am Samstag gleich zweimal als Familienkonzert, „Petruschka“ wird bereits am Donnerstag gespielt und am Samstag in einer szenischen Fassung mit dem Mariinsky-Ballett. In der Muffathalle locken zwei „Dates mit Strawinsky“, wo zum Beispiel seine Rolle als Liedkomponist beleuchtet wird. Mit Ausnahme der Abo-Konzerte am Donnerstagabend, Samstagabend und Sonntagvormittag kosten die Karten nur zehn Euro, der Eintritt für Schüler und Studenten bis 28 Jahren ist sogar frei. Seinem Vorhaben, dass jeder Münchner einmal die Philharmoniker gehört haben soll, dürfte Gergiev damit näher kommen.

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